Zukunft Personal: Der Friedhof der ungestellten Fragen

14. September 2015

Auf der Reise durch das unendliche Universum unserer Arbeitswelt stößt man regelmäßig auf unregelmäßig-spiralförmige Ansammlungen von Energie, die sich jeglicher Beschreibung entziehen. Auch wenn die uneingeschränkte Bewunderung des Autors dieses kleinen Beitrags all denen gilt, die mit apodiktisch-präzisem Anspruch auf Treffsicherheit unseren aktuellen Spiralnebel deuten, bleibt dies letztlich genauso unmöglich, wie man – Werner Heisenberg folgend – nie gleichzeitig den exakten Ort und die exakte Geschwindigkeit eines Objektes anzugeben vermag.

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Ein solches Ereignis ist die „Zukunft Personal“, nach eigener Aussage Europas größte Fachmesse für das Personalmanagement. Da will selbstredend auch der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ hilfsbereit einspringen und versuchen, etwas Struktur in die 450 Programmpunkte zu bringen.

Exklusiv und als Premium-Content ohne Bezahlung wird hier deshalb eine Prognose von fünf Themen präsentiert, bei denen wir alle mehr oder weniger jubeln werden. Und passend dazu gibt es – als ein noch tiefergehender Service – eine exklusive Auflistung von all den Fragen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand stellen wird, die also die Kongressteilnehmer überhaupt nicht hören werden.

Prognose #1: Unter tobendem Applaus wird das Zeitalter der Digitalisierung ausgerufen, allerdings rasch auf die Forderung nach wirklich großem Big Data verkürzt.

Das passt in unsere Welt. Nur: Wird man nach dem dahinterliegenden fundamentalen Paradigmenwechsel fragen? Also danach, dass wir unsere betriebswirtschaftliche Forschung, die auf theoriegeleiteter Wissenschaftlichkeit und normativ-verantwortlicher Ethik basiert, durch eine Trivial-Informatik des Datenwühlens ersetzen? Dass wir statt Konsumentenforschung, Personalforschung, Handelsforschung und vielen anderen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte lediglich in einer pseudo-digitalen BWL auf mehr oder weniger bedenkliche Datenspuren starren werden? Und dass wir damit der NSA Konkurrenz machen? Wird die Personalabteilung zur Geheimdienstzentrale? Was genau steckt hinter der Telekom-Forderung in einer aktuellen Studie, „Algorithmus zur Mitarbeiterbindung entwickeln“? Kann man dann, nachdem man (aus welchen Quellen???) die geheimen Faktoren zur Mitarbeiterbindung kennt, durch Zurückfahren dieser Faktoren unliebsame Mitarbeiter zur Eigenkündigung bewegen? Warum machen wir das? Weil es die Industrie in falscher Bewertung von Wettbewerbsperspektiven so fordert und das Messemotto „arbeiten 4.0“ allenfalls zu einer Feigenblattdiskussion macht – streng nach dem Lied „Ich bau mir meine Welt“ (das ja bekanntlich Frau Nahles gerne singt)?

Um nicht missverstanden zu werden: Ja, Digitalisierung ist wichtig und richtig. Nur die Art und Weise, wie uns die Industrie und ihre Berater plus Propagandisten im Kern eine menschenverachtende Arbeitswelt aufbauen, gilt es fundamental zu hinterfragen und durch alternative Denkrichtungen anzureichern. Aber wie gesagt: Das gehört alles zu den ungestellten Fragen, die aber – und das ist die gute Nachricht – sicherlich an anderen Orten gestellt werden.

Prognose #2: Unter tobendem Applaus wird man eine Demokratisierung der Arbeitswelt fordern oder – je nach Redner – als unausweichlich ankündigen.

Wer wagt es schon zu widersprechen, wenn von der Kanzel herab „Demokratie“ verordnet wird? Deshalb bleiben selbst naheliegende Fragen ungefragt: Warum haben die Protagonisten dieser Forderung demokratische Pflänzchen nicht schon damals eingeführt, als sie Führungsverantwortung trugen? Wie soll – abgesehen von der plumpen Forderung nach Netzwerken – diese Demokratie aussehen? Denn die viel gelobten peer-to-peer-Netzwerke haben definitiv keinerlei demokratiefördernde Automatik. Im Gegenteil: Diese Netzwerke liefern völlig undemokratisch den Netzwerkknoten Vorteile wie Beratungsaufträge, Ehrendoktorwürden oder Medienauftritte frei Haus. Und woher wissen wir eigentlich, wer in dieser Demokratie Verantwortung übernehmen will? Bedeutet „Mitreden wollen“ auch „Verantwortung übernehmen“? Und entspricht „Demokratie“ dem gelebten Zeitgeist unserer Politiker? Man denke nur daran, wie der Bundestag gegen die Mehrheit der Deutschen eine sehr spezielle Form der Griechenlandhilfe abgenickt hat, die primär Banken, Reichen und Politikern hilft? Und haben sich nicht lange in Europa die Regierungen gegen Flüchtlingshilfe entschieden, während „wir, das Volk“ schon ganz anders dachten und handelten?

Um nicht missverstanden zu werden: Ja, Demokratisierung ist wichtig und richtig. Nur die Art und Weise, wie uns Politiker und „Spitzen“-Manager zum eigenen Nutzen Demokratisierungsscheibchen gewähren, trifft nicht den Punkt. Und daher die gute Nachricht: Es werden sich andere Wege eröffnen, um die feudalistischen Herrschaftsstrukturen tatsächlich „aufzulockern“.

Prognose #3: Unter tobendem Applaus wird (in einem kleinen Saal) beruhigend verkündet, dass die Generation Z weder existiert noch sich irgendwie anders verhält als alle anderen Generationen davor.

Das Thema läuft auf einem Spartenkanal. Trotzdem: Wer erkennt eigentlich, dass hinter dieser Haltung in Wirklichkeit ein plump-doppeltes Wunschdenken steckt? Wenn wir uns nicht mit Generation Z und auch nicht differenziert mit allen anderen Generationen beschäftigen müssen, dann reichen die personalwirtschaftlichen Instrumente der Steinzeit aus und niemand braucht umzudenken. Deshalb tun personalwirtschaftliche Medien auch gut daran, die Existenz der Generation Z herunterzuspielen, wollen sie weiterhin ihre Leser so richtig glücklich machen. Zum anderen braucht man bei dieser Beruhigungsstrategie nicht zu thematisieren, dass die Generation Z definitiv nicht zur Industrie 4.0 passt – und umgekehrt.

Um nicht missverstanden zu werden: Ja, wir müssen natürlich auch Generationskonzepte hinterfragen und wir müssen sie weiterentwickeln. Nur die Art und Weise, wie uns Berater und Medien von der internationalen Diskussion abkoppeln, ist problematisch. Aber – und das ist wieder die gute Nachricht: Es wird andere Wege geben, auf denen sich dieses Thema sein Forum schaffen wird.

Prognose #4: Unter nicht ganz so tobendem Applaus wird man sich mit dem Thema „Candidate Experience” mit seinen vielen Ablegern beschäftigen und es vor allem als ein Beratungsthema propagieren.

Unbestritten: Ja, wir müssen uns in völlig neuer Weise mit zukünftigen Mitarbeitern auseinandersetzen, wenngleich Grundregeln (wie die CUBE-Formel) weiterhin gelten. Aber: Warum ist das primär ein Beraterthema? Ein Thema für viele neue Start-ups, die alle Recruiting im Profil haben? Kommen wir nicht in eine fatale Deprofessionalisierung der Personalabteilung, die auch bei diesem Thema nur noch als ein entkernter Rest übrigbleibt? Und wo sind eigentlich jenseits der schönen Erfolgsgeschichten die wissenschaftlich haltbaren Hinweise auf wirklich-wirksame Gestaltungsregeln?

Um nicht missverstanden zu werden: Es spricht nichts gegen die vielen Berater, die alle stolz berichten, wie sie das Recruiting in Unternehmen optimiert haben: Was aber passiert, wenn es im Unternehmen niemanden mehr gibt, der bei den Beratern die (laute) Spreu vom (leisen) Weizen trennen kann? Die gute Nachricht: Die „Candidates“ werden entscheiden!

Prognose #5: Unter tobendem Applaus wird das Zeitalter von New Work ausgerufen, in dem Mitarbeiter glücklich und mit sinnstiftenden Tätigkeiten ein geregeltes Aus- und Einkommen haben.

Diese Welt, in der – wie in einem Bild aus der aktuellen Telekomstudie – der Mitarbeiter aus der Hängematte am Strand sein Geld verdient, ist nicht neu. Nur das wird nicht der Regelfall sein: Wir bekommen eher Cloud-Worker und andere Strukturen der lockeren Mitarbeit. Oder wie in der Sprache der Telekomstudie heißt: „Beauftragen statt Einstellen“. Was wird das für Unternehmen bedeuten? Was bedeutet eine Unternehmenslandschaft, bei der Unternehmen keine Mitarbeiter mehr haben? Sicher: Diese Diskussion ist nicht neu, hat doch der Autor dieser Zeilen schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen, dass bald alle Mitarbeiter „Spieler ohne Stammplatzgarantie sind“ – egal, ob man das gut oder schlecht findet. Trotzdem: Wenn man den Satz des aktuellen Telekom-Personalvorstandes Christian Illek – „Arbeit muss im Ökosystem Digitalisierung neu organisiert werden“ – nimmt, dann drängen sich mehr Fragen auf, als Platz in diesem Blog ist. Und natürlich müssen die Fragen auch an einen seiner Vorgänger gehen, der zu seiner aktiven Zeit den Einstieg in diese Entwicklung propagierte.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, irgendwelche Rückwärtsbewegungen einzuleiten. Aber müssen wir wirklich allen scheinbar schnellen und alternativlosen Schienen in die (von wem eigentlich?) vorgeschriebene Richtung folgen? Aber auch hier wieder die gute Nachricht: Zumindest einige von uns werden erfolgreich andere Gleise wählen.

Diese fünf Prognosen zu Aussagen, für die Applaus die Messehallen in Köln füllen wird, führen uns in eine einfarbige Arbeitswelt: Hier kommen Menschen allenfalls als gesteuerte Objekte und Datenspuren vor. Zudem zerfällt das betriebliche Personalmanagement. Paradox: Alle fünf Themen würden andere Entwicklungspfade zulassen, auf denen das Personalmanagement zum Wohle von Menschen und Unternehmen strategisch gestalten könnte. Nur müsste man dann anfangen, die falschen Propheten zu entlarven und dafür die richtigen Fragen zu stellen.

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P.S. Leider wird der Autor dieses Reiseführers nicht mitbekommen, ob es tatsächlich den prognostizierten Applaus und die ungestellten Fragen geben wird. Er wird noch am ersten Messetag nach Moskau auf den roten Platz zu einer Medientagung fahren. Auch dort wird es ungestelllte Fragen geben. Und im Übrigen sind – wie schon Douglas Adams in seinem „Reiseführer durch die Galaxis“ so treffend bemerkte – unsere „Schaltkreise unwiderruflich mit der Formulierung der Antwort auf die Letzte der Fragen nach dem Leben, dem Universum und allem beschäftigt“. Denn diese Frage gehört nicht in die Rubrik der ungestellten Fragen.

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