Worauf man bei der Berlinale 2017 achten sollte

7. Februar 2017

Die Berlinale spiegelt in ihren Filmen Zeitgeist wider. Das gilt besonders für die „Generation 14plus“. Dort geht es aber nicht nur um real existierenden Zeitgeist, sondern auch darum, was sich die Leistung des Festivals als Zeitgeist wünscht – und spätestens jetzt wird es ernst und bemerkenswert. Also: Ganz schnell lesen und dann ab ins Kino!

Dass der Autor des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ gerne ins Kino geht, das überrascht nicht. Denn Filme sind immer schon eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist gewesen, wobei Filmemacher zum einen dokumentarisch Zeitgeist darstellen, ihn aber zum anderen auch normativ prägen wollen. Dies trifft natürlich auch für die Berlinale zu, wobei hier der Berlinale-Chef Dieter Kosslick prägenden Einfluss hat. Mehr noch als in den ganz großen Filmen, die ganz groß im Berlinale-Palast im Wettbewerb laufen, spielen Ist-Zeitgeist und Wunsch-Zeitgeist bei der Sektion „Generation“ und vor allem „Generation 14plus“ eine zentrale Rolle: Denn diese Sektion zielt auf Jugendliche – vor allem auf die Generation Z. Nun haben wir die Filme der Berlinale 2017 noch nicht gesehen und wissen nicht, was uns Sektionsleiterin Maryanne Redpath präsentieren wird. Aber ein Rückblick auf das Jahr 2016 ist schon ziemlich aufschlussreich und zeigt, worauf wir auch in diesem Jahr achten sollten.

Die Entwicklung von Mädchen als Kernbotschaft

„Ein Mädchen, das sich selber findet. Darum geht es in jedem Scheißfilm, der hier im Programm läuft.“ So fasste eine junge Besucherin den Themenschwerpunkt „Generation 14plus“ auf der Berlinale 2016 zusammen. Und damit liegt sie in ihrer Kritik nicht verkehrt, sondern trifft den Nagel tatsächlich auf den sprichwörtlichen Kopf: fast überall die gleiche Botschaft von jungen Mädchen, denen mit erhobenem Zeigefinger erklärt wird, wie sie sich in dieser Welt verhalten müssen.

Florencia als traurige Heldin im Film „Las Plantas“

Nimmt man als Beispiel den Sieger-Film „Las Plantas“: Hier geht es um die 17-jährige Florencia, die sich in einem schwülen chilenischen Sommer eingebettet in Comic-Fantasien irgendwie mit ihrer Persönlichkeit beschäftigt. Was auffällt: Wie auch in vielen anderen Filmen spielen Männer kaum eine relevante Rolle: Es gibt keine Spur von einem Vater, manchmal taucht ein alkoholkranker Onkel auf. Der ältere Bruder liegt im Wachkoma: Florencia wechselt die Windeln, liest ihm vor und kümmert sich fürsorglich um ihn.

Interessant auch die sexuelle Rollenverteilung: So trifft sich Florencia mit einem Mann, den sie über das Internet kennengelernt hat, der dann sexuelle Handlungen an sich selbst ausführen muss. (Eine Randanmerkung: Würde diese Szene in umgekehrter Rollenverteilung stattfinden, wäre der Skandal und eine Altersbeschränkung „über 25“ vorprogrammiert. Hier beschränkt man sich auf den dezenten Hinweis „ab 16“).

Florencia macht wie viele andere „Heldinnen“ aus Generation 14plus in der Berlinale 2016 keinen glücklichen Eindruck. Sie und ihre Geschlechtsgenossinnen sollen immer irgendwie nach vorne oder nach oben kommen und sich zu den Attributen der modernen Leistungsgesellschaft bekennen. Leichtigkeit, Spaß und Lebensfreude fehlen weitgehend.

Generation Z als Gegenbewegung zum Hamsterrad der Leistungsgesellschaft

Die Generation 14plus gehört zur Generation Z: Sie hat gesehen, wie sich Ältere für den Job aufgerieben haben, weil sie auf große Karrieren hofften. Sie hat gesehen, was an Schulen, Hochschulen und in Betrieben passiert  – man denke nur an den Tatort „Schock“ vom 22.1.2017. Die Generation Z traut den Versprechungen von Politikern und allen anderen nicht mehr, die ihr erklären, wie sich Jugendliche in unserer Welt zu verhalten haben.

Die Generation Z ist realistisch: Sie will eine klare Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Vorstellungen, wonach Berufs- und Privatleben fließend ineinander übergehen, werden eher als bedrohlich eingestuft. Die Generation Z ist weniger materialistisch. Ein kleineres Auto und eine kleinere Wohnung reichen aus. Etwas ketzerisch ausgedrückt: In dieser Biedermeier-Romantik fehlt nur noch der Gartenzwerg. Interessant: Diese Bewegung hin zur Denkrichtung der Generation Z fällt bei Mädchen und jungen Frauen sogar noch etwas stärker aus als bei Männern

Junge Frauen sind „mehr Z“ als die jungen Männer – aber nicht auf der Berlinale

Der weibliche Teil der Generation Z tendiert teilweise noch stärker als der männliche zum Muster Z als dem Soundtrack „ihrer“ Generation Z. Sie wollen noch stärker Harmonie, Umgang mit netten Menschen und ein gesundheitsbewusstes Leben ohne Stress. Sie sind nicht gegen Leistung: Sie haben aber die Gefahren von Hamsterrädern und Ellenbogenchecks erkannt.

Aber sie erfahren Druck, sich vom Wertemuster der Generation Z zu verabschieden und endlich mehr Härte, mehr Wettbewerb, mehr Leistung sowie mehr Karriereorientierung zu zeigen. Wie in Las Plantas und anderen Filmen aus der Generation 14plus wird völlig entgegen der Grundhaltung der Generation Z ein Rollenbild entworfen, bei der die kämpferische Frau sich nach oben durchboxt und natürlich über Leichen gehend dort ankommt. Typisch auch „Die Tribute von Panem“: Hier kämpft Katniss Everdeen erfolgreich gegen Ungerechtigkeit, Diktatur und andere Widrigkeiten, wobei sie ihre männlichen Kollegen deutlich in den Schatten stellt und sich selbst zu einer bemerkenswert rebellisch-tödlichen Waffe entwickelt. Auch Jyn Erso als Heldin aus Rogue One passt in dieses Bild.

Worauf sollte man bei der Berlinale 2017 achten?

In welche Richtung gehen die für das Programm ausgewählten Filme? Wie votiert die Jury und gibt es unterschiedliche Reihenfolgen von der „Kinder“-Jury und der „Experten“-Jury, die erzieherisch im letzten Jahr stark auf die Wegentwicklung der Mädchen vom Profil der Generation Z gesetzt hat? Und: Wie reagiert vor allem das jugendliche Publikum? Also Grund genug, ins Kino zu gehen und davor noch einmal gründlich den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ zu lesen (denn dann wird auch klar, warum Frauen in diese Rolle gedrängt werden sollen – aber das ist eine andere Geschichte).

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P.S. Wie üblich ist der Blick in das Original, also den Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ hilfreich, denn Douglas Adams hat eine ganze Menge zum Thema Paralleluniversen zu sagen. Nur sagt er selber: „Allerdings ist nur sehr wenig von alldem für jemanden verständlich, der sich nicht auf der Stufe eines Fortgeschrittenen Gottes befindet“.

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