Wir brauchen die Lehmschicht!

6. Mai 2018

Mittleres Management, Mittelschicht, Mittelmaß: überflüssig, teuer, faul. Daher: abschaffen, freisetzen, wegrationalisieren. Und ganz sicher: Applaus von oben und von unten für diese wegweisenden Erkenntnisse. Also weg mit der lähmenden Lehmschicht?

Der Autor unseres allseits beliebten Reiseführers durch die Arbeitswelt sitzt im Garten. Ganz romantisch scheint die Sonne. Eine Amsel plaudert vor sich hin. Sein Blick geht auf einen Spaten und ein kleines Loch im Boden. Und man erkennt mehrere Schichten von Erde. Eine davon könnte eine Lehmschicht sein und damit steht das Stichwort für diesen Eintrag in den Reiseführer fest.

Definition: Lehmschicht aka Lähmschicht ist die seit rund 20 Jahren benutzte Bezeichnung für das mittlere Management, mit der Vordenker und Vorstände (zum Beispiel von Siemens) das mittlere Management bezeichnen und zum Abschuss freigeben.

Damit könnte man es jetzt eigentlich auf sich beruhen lassen, denn Phänomen und Schimpfwort sind weder neu noch sind sie positiv besetzt. Also lieber nicht ärgern. Es sieht aber so aus, als ob hier klammheimlich eine ganz neue Aktualität entsteht, der es dann vielleicht doch wert ist, nachgegangen zu werden.

Lehmschicht #1: verhindert Innovation und Kreativität, ist weder agil noch disruptiv. Und hat Defizite bei Intelligenz und Motivation.

Die Rhetorik ist immer die gleiche: Das obere Management ist innovativ, kreativ, agil, disruptiv, intelligent und hoch motiviert. Wenn das Unternehmen dennoch wie eine lahme Ente vor sich hin dümpelt, dann kann es nur am mittleren Management liegen.

Hier hebt der Reiseführer warnend den Finger: Wo sind die empirischen Studien, die genau diese Unterschiede belegen? Und bereits durch die Zugehörigkeit zum oberen Management schlagartig positive Merkmale einer derartigen Elite entstehen lassen? Oder stehen nicht vielleicht nur Pressesprecher dem Vorstand näher? So wie an Universitäten, wo man durchaus schon einmal aus der Pressesprecherin der Universität den Pressesprecher des Universitätspräsidenten macht? Und das mittlere Management (also die Professoren) von der Außenwelt abschneidet?

Und der Reiseführer hebt noch einmal den Finger: Vielleicht weiß das mittlere Management einfach besser, was wirtschaftlich nötig UND möglich ist? Und konzentriert sich deshalb auf ganz andere Dinge als ein Vorstand, der mal schnell den schnellen Erfolg sucht? Und nachher (siehe das #Dieselgate von Volkswagen) dann doch von nichts wusste?

Lehmschicht #2: unfähig zu gehorchen und unfähig zu führen, weil unfähig zu kommunizieren.

Bei einer Mitarbeiterbefragung kommen auf die Frage „Unser Unternehmen hat eine klare Vision“ folgende Zustimmungswerte: oberes Management 80%, mittleres Management 40%, alle anderen 60%. Die Interpretation vom Vorstandsvorsitzenden: „Hier sieht man wieder, wo unser Problem liegt. Wie bringen wir also diese Lähmschicht auf die Spur?“ Derartiges hat der Autor dieses Reiseführers live und in Farbe in realen Unternehmen erlebt.

Aber: Was, wenn sich das obere Management einfach überschätzt, also überhaupt keine Vision vermittelt – und vor allem keine „klare“? Den Vorwurf hört man häufig – und durchaus teilweise zurecht. Und könnte es nicht sein, dass gerade das mittlere Management trotzdem den Eindruck einer einigermaßen klaren Vision schafft? Hat nicht das mittlere Management vielleicht einfach einen besseren Blick auf die Situation? Denn die Sandwich-Position zwischen Oben und Unten hat auch ihre Vorteile.

Lehmschicht #3: einziger Ort im Unternehmen, wo betrogen und Gesetze gebrochen werden (Volkswagen).

Diese Aussage mag extrem wirken, ist es aber nicht. Nehmen wir nur das schöne Beispiel von Volkswagen und exponierte Personen wie Winterkorn, Müller, Pötsch sowie andere aus dem oberen Management: Keiner von ihnen hatte angeblich nach eigener Aussage auch nur irgendeine leise Ahnung davon, dass der saubere Diesel nur unter bestimmten Situationen am Prüfstand sauber lief. Vermutlich werden diese Vertreter vom Vorstand und Aufsichtsrat auch noch bestreiten, überhaupt so ein Wort wie „Defeat Device“ zu kennen.

Wo waren also die Schuldigen? Die bequeme Antwort: natürlich im mittleren Management! Und nur dort! Und die Botschaft fanden (fast) alle gut: Denn die Oberen waren alle fein raus, die Unteren auch und schließlich musste sich ja keiner zum mittleren Management zählen – zumindest solange nicht, bis er sich im Gefängnis wiederfand.

Aber: Sind wir wirklich bereit, das zu glauben? Oder sollte nicht das obere Management bei Gehältern im zweistelligen Millionenbereich wissen, was im Unternehmen mit zentralen Themen wie #Dieselgate passiert?

Lehmschicht #4: idealer Sündenbock für alle Fehler (Volkswagen und viele andere mehr)

An dieser Stelle ein kleiner Einschub als Querverweis: Dass dies nicht so sein darf, dazu hat der „Reiseführers per Anhalter durch die Arbeitswelt“ eine eindeutige Meinung. Bereits im September 2015 hat er von Volkswagen gefordert, Martin Winterkorn auf Schadenersatz zu verklagen und zunächst einmal mit dem unteren Grenzwert von 75 Millionen anzufangen.

Eine Anmerkung aus aktuellem Anlass: Der Reiseführer hat bereits damals – und gute Reiseführer tun dies – Martin Winterkorn geraten, sehr genau zu prüfen, in welche Länder er reist und wo ihn die USA verhaften könnte. Es sieht so aus, als ob Martin Winterkorn diesen Rat berücksichtigt hat.

Lehmschicht #5: prädestiniertes Freisetzungspotenzial

Die Begründungen dafür sind bekannt: „Hierarchieabbau“, „Verringerung von Bürokratie“, „Transformation von Tanker zu Schnellboten“, „Gemeinkostensenkung“ und natürlich Steigerung von Innovation, Kreativität, Agilität, Virtualität sowie aktuell Erhöhung der Digitalisierungskompetenz.

Für das obere Management und seine externen Berater (die überwiegend aus der freigesetzten Lehmschicht echter Unternehmen stammen) ist die Logik klar und verführerisch: Wir nehmen die Lehmschicht einfach raus!

Wer diesen doch so offenkundigen Unsinn nicht glaubt, sollte die Presseerklärungen einiger sogenannter „führenden deutschen Unternehmen“ einmal gründlich lesen. Danach steuern wir das ganze Unternehmen digital per Künstliche Intelligenz und natürlich durch die überirdischen intellektuellen Fähigkeiten des oberen Managements. Komisch: Hier fallen uns ganz rasch einige sehr bekannte DAX30-Unternehmen ein, die mal wieder mit dem Kahlschlagen beginnen beziehungsweise weitermachen.

Warum argumentiert niemand dagegen? Geht einfach nicht! Keiner aus diesem oberen Kreis wird unseren kleinen Reiseführer lesen. Kaum einer von ihnen wird verstehen, warum gerade aus systemtheoretischer Sicht das mittlere Management absolut nötig ist für Gatekeeper-Funktion, Komplexitätsreduktion und Multistabilität. Und kaum einer kennt den Aufsatz des Autors dieses Beitrags mit dem (langweiligen) Titel „The Architecture of Hierarchy“. Deshalb versteht sich auch von selbst, dass kaum einer aus dieser Gruppe der „echten Manager-Elite“ versteht, warum das Auslöschen vom mittleren Management allenfalls der Goldene Schuss zur finalen Selbstbefreiung ist.

Hat nicht gerade das mittlere Management auch etwas zu tun mit der Entwicklung von Führungskräftenachwuchs? Nicht jede Top-Führungskraft war am Anfang der Karriere bereit und fähig, ein Unternehmen zu managen, auch wenn dies die meisten Personen im oberen Management bestimmt nicht glauben. Aber das mittlere Management hilft dem Nachwuchs sich zu entwickeln und auch mal Fehler machen zu dürfen, ohne das Unternehmen im Ganzen zu gefährden.

Ein Blick über den Tellerrand: Die Lehmschicht ist in der Natur nötig für das Wachstum der Pflanzen. Genauso hilft die Lehmschicht des mittleren Managements das Unternehmen nach vorne zu bringen, unter anderem durch die Verbindung und Filterung von Informationen zwischen Unten und Oben. Aber auch durch das kleinteilige und operative Management des Alltagsgeschäfts im mittleren Management. Gerade hier glänzt das mittlere Management mit dynamischen, schnellen und informellen Lösungen out-of-the-box, etwas womit sich künstliche Intelligenzen sehr schwer tun.

Also: Was ist, wenn vielleicht gerade dieses so gescholtene mittlere Management „den Laden“ überhaupt noch am Laufen hält?

Lehmschicht #6: nicht sexy

Auch die Medien fallen regelmäßig auf diese Anti-Lehmschicht-Propaganda rein, weil sie so wunderbar eingängige Botschaften mit schönen Home-Stories produziert. Und sowieso: Wer will sich schon mit „mittlerem Management“ beschäftigen? Die sind ja fast so schlimm wie Universitätsprofessoren.

Ein mittlerer Manager hat weder einen einzigen Bugatti noch einen einzigen Ferrari! Und kein Penthouse in Berlin mit Aufzug für den Sportwagen! Keine Villa auf Sylt und auf Mallorca! Keinen HON-Status bei der Lufthansa! Und sie haben auch vor einer Auslandsentsendung nach Frankreich keinen teuren Sommelier-Kurs besucht! Das mittlere Management betreibt auch keine exotischen Sportarten, läuft nicht jeden Tag 10km und spielt nicht einmal Golf! Zudem wechselt es auch nicht medienwirksam die Partner(in).

Und erst die Bekleidung. Da kommt schon ein Vorstand ganz anders herüber als ein normaler Mensch, vor allem wenn er vor hunderten klickenden Kameras die Krawatte auszieht. Oder statt Anzugjacke auf Hoodie umsteigt.

Lehmschicht #7: inzwischen erweiterte Bezeichnung für die Mittelschicht, die Leistung verweigert und Work-Life-Balance anstrebt, also „den Ar*** nicht hochkriegt“.

Diese Aussage mit dem Ar*** gehört zu einem aktuellen Buchtitel. Er erweitert unseren Horizont: Denn es geht nicht mehr nur um Unternehmen oder öffentliche Verwaltungen. Jetzt geht es um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen!

In dieser Logik breitet sich bei uns in Deutschland „epidemieartig eine Kultur der Leistungsverweigerung aus, gut getarnt als Work-Life-Balance. Wie kann es sein, dass sich in Zeiten riesiger wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen immer mehr Menschen zurücklehnen statt anzupacken?“

Zu diesen Thesen gibt es unendlichen Jubel, der zu explosionsartigen Verkaufszahlen führt. Nur könnte diese Zustimmung nicht vielleicht nur deshalb entstehen, weil jeder der Meinung ist, der andere sei es, der – so der Buchtitel – den „Ar*** nicht hochkriegt“? Und ist nicht dieses neoliberale Pochen auf Arbeit und Leistung nicht ein ganz gefährlicher Populismus, der gerade die Jugend (und damit die Generation Z) diskreditiert und abkoppelt? Genauso wie das mittlere Management im Unternehmen?

Apell: Wir brauchen eine Petition zur Erhaltung der Lehmschicht, damit die tektonische Struktur von Unternehmen nicht zerstört wird.

Eines darf nicht vergessen werden: Gerade diese Lehmschicht ist es, die das obere Management oft mit einer Loyalität nach unten und nach außen in einem Ausmaß absichert, die für Außenstehende wie den Autor dieses Reiseführers absolut schwer zu verstehen ist.

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P.S. Douglas Adams braucht sich in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ nicht für die Erhaltung von Lehmschichten und lähmenden Anomalien zu beschäftigen. Aber er beschreibt gut die ganz spezifische Vision eben dieser Lähmschicht, der es teilweise wirklich um das Unternehmen geht: „Wir müssen das Universum retten, verstehen Sie. Und wenn sich das nach einer ziemlich lahmen Entschuldigung anhört, haben Sie recht.“

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