Bildungsstreik 2009: Ein typisches Wintermärchen

11. Januar 2010

Das Bundeskartellamt verurteilte die Kaffeeröster Dallmayr, Tchibo und Melitta zu einer Geldbuße im dreistelligen Millionenbereich, weil ihre internen Absprachen die Logik des freien Marktes zu Lasten der betroffenen Kunden außer Kraft gesetzt haben. Was hat das mit Bildungsstreik an deutschen Hochschulen zu tun? Nun: Genial am Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ ist, dass er solche Zusammenhänge aufdeckt – gerade auch im Bildungsuniversum.

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Besetzte Hörsäle, demonstrierende Studenten, Bußgeldbescheide und massive Polizeieinsätze gegen friedlich demonstrierende Studierende: Der Herbst 2009 brachte mit dem Bildungsstreik an den deutschen Hochschulen einiges an Überraschungen mit sich. Plötzlich waren diejenigen aufgewacht, die gerade durch die Bologna-Reform zu unmittelbar verwertbaren und voll berufsqualifizierten Arbeitskräften umfunktioniert hätten sein müssen. Erstaunen auf allen Seiten: Bei den Unternehmen (so hatte man sich die zukünftigen Mitarbeiter nicht vorgestellt), bei der Presse (bisher hatte man doch fast nur Positives über „Bologna” gehört und jetzt will man als Mitschuldiger auf die Suche nach Schuldigen verzichten) und natürlich bei der Hochschulrektorenkonferenz und ihrer Chefin Margret Wintermantel, die sich plötzlich mit 4.000 wütenden Studierenden konfrontiert sah.

Dabei hatte alles so schön angefangen: Margret Wintermantel schwärmte schon 2001 von dieser wunderbaren Reform, den vielen Synergien, der Modularisierung, der Flexibilisierung, der Erleichterung für die Studenten, der Profilbildung… und es wurde uns allen warm ums Herz. So schön, so romantisch, so europäisch, so demokratisch, so liberal. Es klang nach Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Lebkuchen. Die Studenten jubelten (alles würde schöner werden), die Praxis jubelte (Absolventen würden jünger und billiger sein), die Politiker jubelten (endlich einmal etwas Positives zu Europa) und die Presse jubelte (sowieso). Nur einige wenige Professoren waren dagegen…

Der Anhalter durch die Arbeitswelt definiert Wintermärchen „als (1) eine fiktionale Textgattung, bei der (2) Gutes auf Böses trifft, (3) jeder Bezug zur Realität fehlt und (4) eine romantische Weihnachtsstimmung entsteht, die niemand stören will und stören darf.”

Typische Elemente in Märchen sind die böse Hexe, der gute Ritter und Figuren wie die Pechmarie, der – wie Margret Wintermantel – einfach alles Wichtige zu missglücken scheint. Nun soll man Margret Wintermantel für ihre Bologna-Fehler nicht zu sehr kritisieren. Denn immerhin hatte sie 2006 diesen Job an der HRK-Spitze übernommen: “Niemand sonst von 261 Rektoren oder Präsidenten wollte den Job, Margret Wintermantel bekam ihn also.” Und jetzt stand sie plötzlich vor 4.000 leibhaftigen Studierenden, die ihr die Schuld am Bologna-Fiasko gaben und die erstaunlicherweise bei der Bildung mitreden wollten.

Dann ein Wunder: In Übereinstimmung mit der KMK wurden plötzlich weniger Prüfungen, weniger Stoff, weniger „Stunden pro Woche”, weniger Stress und mehr Liberalität versprochen. Und wieder kommt das märchenhafte Gefühl von Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Lebkuchen auf.

Margret Wintermantel tritt dabei gleichzeitig als Vertreterin der Hochschulen und als oberste Bologna-Richterin auf. In Wirklichkeit ist sie aber weder das eine noch das andere, wie ein Blick in die einschlägige Literatur – in diesem Fall in den an Tiefgang nicht zu überbietenden Reiseführer durch die Arbeitswelt – belegt.

Danach gilt: „Die HRK ist (1) als Hochschulrektorenkonferenz ein (2) unverbindlicher Zusammenschluss von Rektoren und Präsidenten, der (3) politisch ohne Legitimation als (4) reine Lobbyorganisation die Interessen der Hochschulrektoren vertritt und dazu (5) das gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung betriebene Centrum für Hochschulentwicklung [CHE & CHE-Consult] und (6) die zum Bertelsmann-Konzern gehörende Presselandschaft [z.B. FTD] nutzt.”

Margret Wintermantel vertritt also als Lobbyistin nicht etwa die Hochschulen (und schon gar nicht Professoren oder Studenten), sondern die Rektoren und deren Interessen. Genau hier ist sie aber jenseits aller Kritik an der verkorksten Bologna-Reform erfolgreich (und deshalb wären ihr auch weitreichende Korrekturen an der Bologna-Umsetzung egal): Denn mit dem Argument „das brauchen wir, um die Bologna-Reform durchzusetzen” sorgt sie für eine universitätsinterne Strukturreform und für eine Machtfülle bei den Rektoren, von der Ackermann und Zetsche nur träumen können. Rektoren dürfen faktisch alleine über Berufungslisten, Fächer, Forschungs- und Lehrinhalte sowie sämtliche Personalfragen von Besoldung über individuelle Zielvereinbarung bis zur Ernennung von Dekanen entscheiden. Nichts mehr mit Autonomie, nichts mehr mit Markt! Es lebe die zentralistische Planwirtschaft.

Genau deswegen sind ihr die Hochschulrektoren zu Dank verpflichtet und nur so ist zu erklären, dass sie trotz ihrer Bologna-Denkfehler nicht wie ihr Vorgänger an der HRK-Spitze aus „Amt und Würden” gejagt wurde.

Nur schade: Das Fatale für die durchaus begrüßenswerte Bologna-Idee ist, dass die neue Struktur nicht einmal für ihre Auslöser, die Rektoren, funktioniert! Von der Zentralsteuerung überlastet, werden sie zunehmend zu Opfern ihrer eigenen Machtfülle, reagieren reflexartig auf jedes neue Problem mit neuen Zentraleinheiten und bauen damit noch mehr kontraproduktive Bürokratie auf. Jetzt scheint selbst die früher so selbstsichere Frau Wintermantel in ihrer Rolle als Chefin der HRK mit ihrem Latein am Ende zu sein – zumindest vermitteln ihre sprunghaften Zurückruderaktionen und ihre hilflosen Fernsehauftritte diesen Eindruck.

Und deshalb gibt es vielleicht doch noch ein Happy-End, etwas überraschend, aber zunehmend naheliegend – womit wir beim abschließenden Ratgeber-Abschnitt dieses Reiseführers angelangt sind: (1) Die Wissenschaftsminister sollten über neue Universitätsgesetze die Bologna-schädliche Zentralsteuerung innerhalb der Universitäten durch Selbstbestimmungsrechte für Fakultäten sowie Studierende ersetzen. (2) Die Kultusministerkonferenz sollte dafür sorgen, dass die öffentliche Finanzierung für die HRK eingestellt wird. (3) Diejenigen Medienvertreter, die sich immer noch primär als Pressesprecher(in) von HRK & CHE verstehen, sollten im Interesse der Sache endlich Meinungsvielfalt akzeptieren und reflektieren. (4) Studierende und Professoren sollten gemeinsam die Bologna-Reform auf das zurückführen, was ursprünglich gewollt war, und deshalb (wieder) einmal den ursprünglichen Text der Bologna-Erklärung lesen – denn der war gar nicht so schlecht.

Was wäre übrigens passiert, wenn Margret Wintermantel Chefin einer Lobbyorganisation „Kaffeerösterkonferenz” wäre? Ihrem Argumentationsmuster folgend, hätte sie im Krisenfall die Schuldigen ebenfalls rasch lokalisiert: Die Ministerpräsidenten der Länder (weil sie die Ertragslage der Kaffee-Filialen nicht rechtzeitig verbessert haben), die Presse (weil sie über den Vorgang berichtet hat) und das Kartellamt (weil es sich mit dem Festhalten an der „Markt-Logik” an die „Gleise der Vergangenheit” kettet). Und ausbügeln müssten alles irgendwie die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Filialen.

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P.S.: Und damit sind wir bei der unvermeidbar-positiven Glücksstimmung angetroffen, die auch bei Douglas Adams in seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Arbeitswelt” oftmals plötzlich und noch öfters unverhofft aufkommt: „Der Morgen war lieblich und aromatisch, als Arthur aus der Höhle kroch, die er sein Zuhause nannte, bis er eine bessere Bezeichnung für sie fände oder eine bessere Höhle. Obwohl ihm die Kehle wieder weh tat, war er plötzlich irrsinnig guter Laune. Er wickelte sich fest in seinen abgewetzten Morgenmantel und strahlte den hellen Morgen an.”

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