Von der Vuvuzela zum Veschabox: Warum Deutschland doch nicht Weltmeister wurde

19. Juli 2010

Es war eine tolle Fußball-WM und das deutsche Team ist weiter gekommen als erwartet. Letztlich hat nicht viel gefehlt und ganz Deutschland hätte den WM-Titel gefeiert. Doch was hat gefehlt? Auf der Pressekonferenz hatte Joachim Löw keine Antwort auf diese Frage. Also muss wieder einmal der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ zu Rate gezogen werden. Und er hat (natürlich) die Antwort.

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Die Vuvuzelas sind weggeräumt, die schwarz-rot-goldenen Fähnchen eingerollt, die Fußballspieler in den wohlverdienten Urlaub gefahren. Es bleibt der kleine, etwas bittere Nachgeschmack, dass es wieder einmal fast gereicht hätte, um Erlebnisse wie den einen Moment gegen Italien (2006) und das ganze Spiel gegen Spanien (2008) zu vergessen. Was hat gefehlt?

Würde ein mit allen Techniken intergalaktischer Transportmöglichkeiten vertrauter intergalaktischer Fernsehreporter die ersten 60 Sekunden des Spieles Deutschland gegen Spanien kommentieren, so käme er zu folgendem Ergebnis: „Da gibt es ein in Dunkelrot spielendes Team, das erkannt hat, in welcher Richtung das für sie relevante Tor steht. Und es gibt eine in Schwarzweiß spielende Gruppe von Personen, die offenbar erst mit dem Anpfiff auf das Spielfeld gebeamt worden ist …”

(Für Unwissende: „Beamen oder auch Teleportation ist ein körperloses Verfahren, mit dem ein schottischer Techniker Personen auf Zuruf von einem Ort des Universums zu einem anderen bewegt – und zwar vor allem nach Oben: „Beam me up, Scotty”.)

„… plötzlich standen also 11 Spieler mit weißen Trikots auf dem Platz, schauten etwas desorientiert in die Gegend, erspähten einen Ball, schlossen daraus auf die entsprechende Sportart und begannen sich langsam auf diese einzustellen. So bekam man schrittweise ein Gefühl dafür, wo sich die Gegenspieler befinden (beziehungsweise vor drei Sekunden befunden haben), wie diese Gegenspieler üblicherweise agieren (den Ball immer wegpassen, wenn einer aus dem schwarzweißen Team in die Nähe kommt) und was man eigentlich in diesem Sport machen sollte (aufs Tor schießen, aber das dauerte bis zur 69. Minuten und blieb auch der einzige Versuch).”

Gut, diese Beschreibung kann man löschen. Nur: Wir reden hier von einer fiktiven Schilderung eines fiktiven Kommentators aus einer fiktiven intergalaktischen Welt, der aber plötzlich – und das sind die faszinierenden Simultanitäten unseres Universums – die identische Frage aufwirft, wie sie an Joachim Löw auf der Pressekonferenz gestellt wurde. Die Frage lautet „Warum?”. Denn dass das Team mit den weißen Trikots durchaus vollkommen anders spielen kann, hatte es mehrere Tagen zuvor beeindruckend gegen Hellblau-Gestreift und Hellrot gezeigt.

Warum also diese groteske und schlafwandlerische Abwesenheit?

Nehmen wir wieder unseren fiktiven Beobachter und fragen ihn nach seinen Eindrücken während der 48 Stunden vor (!) dem Spiel. Um was ging es da? Was hat er dort beobachtet? Wer hat mit wem worüber gesprochen? Was waren die Themen?

Hier passt nur der Ausdruck, den man jetzt neu im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” findet und der dort wie folgt definiert wird: „Unter einem Veschabox versteht man einen (1) aus Südafrika stammenden (2) verbalen Schattenboxkampf, bei dem (3) eine Person vor vielen anderen Personen intensiv über und gegen eine andere Person redet, die (4) nicht anwesend ist, die aber (5) ihrerseits in gleicher Form über die erstgenannte Person spricht, was (6) im Ergebnis dazu führt, dass die aufgabenbezogene Aufmerksam gegen Null tendiert und (7) das ursprünglich anvisierte Ziel verfehlt wird.”

In Südafrika gab es aber nicht nur einen Veschabox, sondern derer viele!

Im 1. Veschabox geht es um die von Phillip Lahm aufgeworfene Feststellung, dass er auch nach der WM (gemeint ist nach dem WM-Titel, denn der galt zwischenzeitlich bereits als gewonnen) die Kapitänsbinde behalten will – egal, was Michael Ballack dazu sagt. Der sagt nichts, fliegt wieder ab und sagt dann etwas. (Übrigens: Laut dem zentralen Reiseführer hätte er überhaupt nicht nach Südafrika fliegen dürfen – aber das ist eine andere Geschichte.)

Im 2. Veschabox erklärt ein Mario Gomez, dass er sich einen Wechsel nach Spanien vorstellen kann und es zudem dringend Zeit wird, Miro Klose abzulösen, weil dieser schließlich nicht jünger werde und deshalb die Fußball-EM in Polen allenfalls als Zuschauer miterleben wird.

Im 3. Veschabox diskutiert Joachim Löw ganz laut, dass er überhaupt noch nicht mit Theo Zwanziger über seine Vertragsverlängerung diskutieren will – wobei Oliver Bierhoff sowie Matthias Sammer ebenfalls im Schatten der beiden mitboxen.

Im 4. Veschabox beginnt irgendwie eine Massenturbulenz um Sebastian Schweinsteiger (der plötzlich doch nicht mit Bayern München verheiratet ist), um Mesut Özil, der Lionel Messi bei Barcelona (oder alle anderen Spieler bei Real Madrid) ersetzen will, und um viele andere, die alles mögliche tun könnten (wenn man sie denn fragt).

Im 5. Veschabox geht es um die Frage, ob das Fehlen von Thomas Müller das Team bis hin zur Chancenlosigkeit schwächt oder ob (selbst) ein Thomas Müller (wie vorher <selbst> ein Michael Ballack) ersetzbar ist.

… und als übergeordneter Veschabox wird alles das live von Franz Beckenbauer kommentiert.

Naheliegenderweise vergisst man beim Veschaboxen vollkommen, dass sich am anderen Ende des Universums eine in Dunkelrot spielende Fußballmannschaft auf das vorgezogene WM-Endspiel vorbereitet.

Was bleibt? Auf jeden Fall gibt es noch einen Eintrag in unseren Reiseführer: „Sobald ein Teamchef einen Veschabox erkennt, muss dieser mit allen Mitteln gestoppt werden wie das Sprudeln des BP-Bohrlochs im Golf von Mexiko!”

Damit kommen doch noch zwei letzte Fragen: Warum haben das gerade Joachim Löw und Phillip Lahm nicht getan? Warum haben sie Veschaboxen praktiziert statt Veschaboxen zu stoppen? Und was folgt aus der Antwort auf diese Frage?

Aber das ist eine andere Geschichte …

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P.S.: Der guten Ordnung halber ist darauf hinzuweisen, dass die hier angesprochene Komplexität, die von der südafrikanischen Trompetenart Vuvuzela bis zum südafrikanischen Kampfsport Veschabox reicht, nichts zu tun hat mit dem, was Douglas Adams in seinem berühmten Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” unter der Bezeichnung Huluvu beschreibt: Denn „Ein Huluvu ist ein superintelligenter Schatten von blauer Färbung, die im Regelfall in bunten Laborkitteln daherkommt und vorübergehend in ein freistehendes Prisma hineingespiegelt wird, was zu einem Gefühl ungeheurer Erregung führt.” Aber auch das ist eine andere Geschichte.

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