Ursula von der Leyen und ihre Leiharbeiter bei Amazon

17. Februar 2013

Es geht um mehr als um Arbeitsbedingungen bei Amazon: Hinter der allgemeinen Betroffenheit steckt weitaus mehr und dazu sollte man einen kurzen Blick in den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ werfen.

Bild zu: Ursula von der Leyen und ihre Leiharbeiter bei Amazon

Erstaunt und ungläubig muss unsere Arbeitsministerin am letzten Mittwoch die ARD-Sendung „Ausgeliefert: Die Leiharbeiter bei Amazon“ angeschaut haben: Dort erfährt sie aus erster Hand und offenbar erstmalig, wie die schöne, heile Welt des Internethandels wirklich funktioniert, vor allem aber, wer dafür bezahlt, dass man bequem und billig zu Hause einkauft. Dementsprechend vernichtend auch die öffentliche Diskussion im Internet gegen Amazon, in der es um „modernen Sklavenhandel“ ebenso geht wie um „Neonazis schikanieren Arbeitnehmer“ und um „miserable Arbeitsbedingungen“.

Frau von der Leyen reagiert prompt und verlangt heute in der Welt am Sonntag rasche Aufklärung.

Zwischen dem Frühstücksei und dem Orangensaft hat der Autor dieses Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ nur noch eine Frage: Wie kann er ganz schnell seinen PRIME-Account bei Amazon kündigen? Wo wird er in Zukunft USB-Sticks, Speicherkarten, Bücher, DVDs, CDs, White-Board-Marker, Speicherchips, Sony-Fotoapparate, Sony-Fernseher, Apple-Zubehör und vieles andere kaufen? Und bekommt sein vertrauter Briefträger Entzugserscheinungen, wenn er nicht mehr fast jeden Tag ein kleines Amazon-Päckchen abliefert?

Also, worum genau geht es? Zunächst einmal die Fakten, die in der Diskussion etwas unter den Tisch gefallen sind: Amazon fragt im Herbst 2012 ganz brav – wie auch in den letzten Jahren – bei der Arbeitsagentur in Bad Hersfeld nach einer Lösung für Bedarfsspitzen im Weihnachtsgeschäft. Doch irgendwie und irgendwann landet der Auftrag bei der Leiharbeitsfirma Trenkwalder, die dann Leiharbeiter aus Spanien befristet einstellt und an Amazon verleiht.

Diese Firma Trenkwalder – laut Startseite im Internet gilt „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!“ –  müsste Frau von der Leyen allerdings gut kennen und deshalb ist ihr Erstaunen erstaunlich.

Die Leiharbeitsfirma Trenkwalder wurde beim Wettbewerb „Deutschlands Beste Arbeitgeber 2011“ vom „Great Place to Work“-Institut für ihre besondere Qualität als Arbeitgeber ausgezeichnet. Kooperationspartner dabei ist neben der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA), dem Handelsblatt, einem Personalmagazin und der Universität zu Köln auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dementsprechend würdigte Dr. Ralf Brauksiepe, der Parlamentarische Staatssekretär der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Trenkwalder bei der großzügigen Gala: „Nur gute Unternehmen gewinnen zukünftig gute Fachkräfte.”

Grundlage für die Auszeichnung von Trenkwalder als „Bester Arbeitgeber“ war eine (teuere) anonyme Befragung der Beschäftigten durch das „Great Place to Work“-Institut unter anderem zu Führung, Vergütung, Vertrauen und Gesamtzufriedenheit. Nun kann man sich angesichts des ARD-Beitrages leicht (aber vielleicht voreilig) vorstellen, wie die Kreuzchen auf den Fragebögen zustande kommen. Aber der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ wäre nicht der meistgelesene Reiseführer dieser Art, würde er sich mit einer derartig vorschnellen und vielleicht sogar falschen Erklärung zufrieden geben. Und deshalb zunächst die obligate Definition zum Einstieg.

Der Reiseführer definiert: „Leiharbeit ist (1) ein soziales Phänomen der aktuellen Arbeitswelt, das (2) weit über das Standardmodell von Firma X verleiht ihre festangestellten Mitarbeiter zeitweise an Firma Y hinausgeht und das (3) wegen einer genialen Lobbyarbeit trotz aller damit verbundenen Probleme (4) noch ein relativ gutes Image hat.“

Das Standardmodell der Leiharbeit kennen wir: Ein Unternehmen X  stellt 100 Arbeiter ein und verleiht sie je nach Bedarf an andere Unternehmen. Im Normalfall haben diese 100 Arbeiter dann einen mehr oder weniger festen Arbeitsplatz beim Unternehmen X. Es gibt aber noch viel mehr Spielarten: Da sind die Unternehmensberater, die wie kleine Kompanien in Firmen einmarschieren, dort ganze Büroflügel belegen, viel Geld kosten, aber den „Headcount“ senken. Auch Interimsmanager bekommt man als Leiharbeiter, die dann für einen gewissen Zeitraum eine Führungsfunktion wahrnehmen, die vielleicht sogar der Funktion ähnelt, die sie bis zu ihrer Kündigung (und ihrem unfreiwilligen Einstieg als Leiharbeiter) selber verantwortet haben. Dann gibt es noch Mitarbeiter von Fremdfirmen und ganz vieles andere, was jetzt zu weit führen würde. Und offenbar gibt es auch das Modell, bei dem – wie im Falle Trenkwalder – eine Leiharbeitsfirma Mitarbeiter befristet nur für einen Arbeitgeber einstellt.

Egal über welches Modell man spricht: Es gibt viele positive Schlagzeilen über Leiharbeitsfirmen in den Medien, die sich nicht immer mit den Studien über die Gefühlslage der betroffenen Mitarbeiter decken. Gerade personalwirtschaftliche Fachzeitschriften überschlagen sich mit markanten Lobpreisungen wie „Zeitenwende in der Zeitarbeit: Fair und flexibel und lassen dabei natürlich auch Trenkwalder zu Wort kommen, die (interessanterweise) auch den Markt der ungelernten Arbeiter hervorheben.

Kritik an den Leiharbeitsfirmen kommt selten und ist auch nicht gewünscht: Als der Autor dieses Reiseführers in einer personalwirtschaftlichen Zeitschrift von einem Journalisten mit einigen skeptischen Worten gegen Interimsmanager zitiert wurde, reagierte die Branche prompt mit Stellungnahmen in Druckseitengröße, die natürlich in all ihrer Polemik vollumfänglich abgedruckt werden.

Also: Eine wirklich gute Lobbyarbeit der Leiharbeitsbranche, die erklärt, warum Frau von der Leyen von diesem Vorgang überrascht wurde.

Tipp für die ARD: Machen Sie weiter mit Enthüllungsjournalismus. Verfolgen Sie auch diese Geschichten weiter. Gerade bei diesem Fall „Trenkwalder/Amazon“ gibt es noch viele Fragezeichen.

Auch hierfür ein Beispiel: Die Firma Trenkwalder hat auch ein „Master Vendoring“ im Angebot, in dessen Rahmen sie über ein Poolmanagement mit Partnern zusammenarbeiten, Prozesse optimieren und für eine effektive Kostenkontrolle sorgen. Hier wäre es interessant, wenn klar würde, wer zum Beispiel die in der Reportage beschriebene Sicherheitsfirma beauftragt hat. (Aber vielleicht äußert sich ja Trenkwalder selber in diesem Blog??)

Tipp für die Arbeitsagentur: Verweisen Sie nicht auf Datenschutz, sondern klären Sie auf, was hier bei Ihnen vielleicht falsch gelaufen ist. Und vor allem: Kümmern Sie sich um generelle Lösungen für Fälle wie die Weihnachtsspitzen bei Amazon.

In diesem Zusammenhang könnten auch Firmen mit saisonalem Arbeitskräftebedarf selber noch kreativer sein, und versuchen, jenseits von Leiharbeit die Möglichkeiten zur Flexibilisierung zu nutzen. Und vielleicht kann Frau von der Leyen zusätzlich zur Lizenzfrage prüfen, ob nicht die eine oder andere arbeitsrechtliche Regelung, die zum Schutze von Arbeitnehmern gedacht war, nicht ausschließlich den Leiharbeitsfirmen in die Hände spielt, also vielleicht geändert werden könnte?

Doch was macht der Autor dieser Zeilen mit seinem PRIME-Account bei Amazon? Er behält ihn und bestellt weiter, vielleicht sogar als erstes den WDR-Erziehungsratgeber „Die von der Leyens“.

Bild zu: Ursula von der Leyen und ihre Leiharbeiter bei Amazon

P.S.: Zum Schluss noch der obligate Blick in den Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, der auch schon Leiharbeiter kennt: „Auf dieser Stufe bezeichnete man sie nicht mehr als Menschen. Was sie taten, taten nur Mitarbeiter. Aber wenn sie abends nach Hause zu ihren Familien zurückkehrten, wurden sie wieder zu Menschen.“

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