EURO 2008: Vinkenliste als Karrierefalle

13. Juni 2008

Für Österreich war mit dem umstrittenen Elfmeter die Fußball-Europameisterschaft in den Augen vieler Fußballfans schon nach 3 Minuten beendet. Dem Autor dieses Berichtes blieb zu diesem Zeitpunkt nichts anderes übrig, als trotzig sein Nationalfähnchen ans Autofenster zu stecken. Doch da fällt im Fernsehen ein Satz von derartiger Bedeutungsschwere, dass er unmittelbar einen Eintrag in diesen Reiseführer durch die Arbeitswelt erzwingt.

Bild zu: EURO 2008: Vinkenliste als Karrierefalle

Die traurige Vorgeschichte ist bekannt: Beim ersten Spiel der Fußball-Europameisterschaft in Wien kamen sich ein Kroate und ein Österreicher im Strafraum der Österreicher so nahe, dass der Kroate mit lautem Schrei und schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden stürzte. „And the Oscar goes to Kroatia” spottet die Presse am nächsten Tag. Schiedsrichter Pieter Vink zögerte keine Sekunde und es stand 1:0 für Kroatien. Gleichzeitig verschenkte er noch gelb gegen die sich aufregenden Österreicher, die sich daraufhin noch mehr aufregten und vor lauter Aufregen (zu) lange das Fußballspielen einstellten.

Das alles rechtfertigt aber für sich genommen keine Erwähnung im Reiseführer durch die Arbeitswelt. Doch dann fiel ein interessanter Satz: „Den Elfmeter hätte Vink nie gepfiffen, wenn es gegen Italien gegangen wäre.” Die These, dass er Partei ergreift, ist gerade bei diesem Schiedsrichter zumindest nicht völlig abwegig: So erlangte Vink – und das ist inzwischen auch schon in Wikipedia nachzulesen – traurige Berühmtheit durch die Diskussion, ob und wie er im Europapokalspiel zwischen Arsenal und Liverpool seinen holländischen Landsmann (Kuyt) „bevorzugt” behandelt hat.

Damit stellt sich die erste Frage: Kann es sein, dass Pieter Vink und seine Kollegen vielleicht eine imaginär-virtuelle Liste dazu haben, wen man im schiedsrichterlichen Gestaltungsspielraum grundsätzlich bevorzugen muss?

Der Reiseführer durch die Arbeitswelt definiert: „Vinkenliste ist die (a) nach dem holländischen Schiedsrichter Pieter Vink benannte Liste, nach der (b) auf dem Fußballfeld und (c) in der Arbeitswelt grundsätzlich (d) bestimmte Gruppierungen gegenüber anderen bevorzugt werden und (e) sich letztere durch den Ärger über diese Benachteiligung selbst noch mehr Schaden zufügen.”

So kann man sehr schön im internationalen Fußball eine derartige Vinkenliste aufstellen: Hier steht Italien ganz oben (wer erinnert sich nicht an die WM, bei dem Italien den Top-Platz auf der Vinkenliste vom USA-Spiel, über den Australien-Elfmeter, den mediengestützten Frings-Ausschluss und schließlich die Kopfstoßprovokation in den WM-Titel transformierte). Es folgen Frankreich, Spanien, Holland. Am Ende dieser internationalen Vinkenliste stehen gemeinsam Schweiz und Österreich. Vor diesem Hintergrund braucht Österreich eigentlich überhaupt nie gegen Deutschland anzutreten.

Und dass in der Bundesliga Bayern München in der Vinkenliste oben und Nürnberg unten steht, weiß genauso jeder, wie jeder die Entstehung einer solchen Liste versteht: Welcher Bundesligaschiedsrichter will sich den Zorn von Uli Hoeneß zuziehen und von ihm mit einem Pfeifverbot belegt werden. Dann schon lieber in der 94. Minute einen meisterschaftsentscheidenen Freistoß wenige Meter vor dem gegnerischen Tor pfeifen….

Doch jetzt wird es schwierig: Sicherlich kann man darüber diskutieren, wie man in einer Vinkenliste nach oben rutscht. Dann sind wir bei dem angekommen, was man in der Wissenschaft „Microbargaining” nennt, was uns aber jetzt nicht weiter interessiert.

Viel interessanter ist eine andere Überlegung, die sich aus dem Spiel Holland gegen Italien ergibt. Wir erinnern uns: Italien steht in der Vinkenliste höher als Holland und es schien durchaus so, als ob der Schiedsrichter das wusste. Wer es nicht wusste, war der TV-Reporter, dem der holländische Stürmer van Nistelrooy dafür den Fairnesspreis geben wollte, dass er bei einem Faul im Strafraum nicht hinfiel. Was van Nistelrooy wusste (aber der Reporter nicht), war die simple Erkenntnis, dass der Schiedsrichter sowieso nicht pfeifen würde – was letzterer auch bewies, als kurz darauf van Nistelrooy einen Sturz wirklich nicht mehr vermeiden konnte, damit aber lediglich ein Abwinken des Schiedsrichters erntete. Die Holländer steckten jeden Vinkenschlag weg!

Der Reiseführer durch die Arbeitswelt definiert: „Vinkenschlag ist eine (a) nach dem holländischen Schiedsrichter Pieter Vink benannte Aktion, mit der (b) ein in der Vinkenliste niedriger gelisteter Akteur gravierend benachteiligt wird.”

Genau das war das Faszinierende: Egal wie falsch der Schiedsrichter pfiff, die Holländer haben nach keinem Vinkenschlag auch nur eine Sekunde lamentiert oder sich aufgeregt. Sie wussten, dass sie in der Vinkenliste tiefer standen und dass jedes Reklamieren die Sache nur schlimmer macht. Hut ab! Durch so ein Verhalten alleine gewinnt man zwar kein Spiel; beginnt man aber mit der Trauer über Vinkenschläge, so hat man ganz sicher verloren!

Der Reiseführer durch die Arbeitswelt schlägt vor: „Wanderer durch die Arbeitswelt, beachte, dass Du vor jeder Auseinandersetzung (a) Deine Position in der Vinkenliste ermittelst und – falls diese gegen Dich spricht –  Dich (b) mental entsprechend vorprogrammierst und alle (!) Vinkenschläge vollkommen (!) ignorierst. Sie sind wie Regen und Hagel unabänderlich.”

Die Übertragungen in die Arbeitswelt sind vielfältig: Öffentliche Mittel gehen oft immer mehr zu bestimmten Gruppen und nicht zu anderen. Führungskräfte stellen manche Mitarbeiter immer über andere, egal was diese machen. Nur: Wenn die benachteiligten Mitarbeiter laut „Mobbing” schreien, machen sie sozialkonstruktivistisch ihre Sache noch schlimmer. Und wenn die bei der Mittelvergabe benachteiligte kleine Firma zum wiederholten Male gegen das Unternehmen verloren hat, das eben auf der Vinkenliste des Ministeriums weiter oben steht, dann nützt das Heulen auch nicht. Es macht alles nur schlimmer. Einfach abhaken und weiter und dann wie die Holländer einfach mal schnell Italien trotz Vinkenliste besiegen.

Damit dieses Argument nicht falsch verstanden wird: Unfaire Mittelvergaben sind genauso abzulehnen wie Mobbing und vieles andere. Nur: Die Betroffenen sollten sich ein Beispiel an den Holländern nehmen, einfach weiterspielen und es anderen überlassen. Ungerechtigkeiten durch Vinkenlisten zu bekämpfen. (Letzteres ist aber ein anderes Kapitel!)

Ein versöhnlicher Abschluss: Auch auf der europäischen Vinkenliste der Politik steht Österreich weit am Ende und Italien weit oben. Im Jahr 2000 hielten Gerhard Schröder und Joschka Fischer das Ergebnis einer Nationalratswahl in Österreich wegen eines relativ hohen Anteils eines „eher rechts” positionierten Vertreters einer „kleinen Partei” für unschön (wie die meisten Österreicher auch). Deshalb beschlossen sie, gemeinsam mit der EU-Führung, die Einführung von „EU-Sanktionen” gegen Österreich. Ähnliches kannte man schon zum Beispiel vom Iran – nicht aber von anderen Ländern in Europa mit problematisch erscheinenden Wahlergebnissen. Und was machte Österreich: Man steckte den Vinkenschlag Schröders weg und machte in dieser Phase Österreich zur zentralen Basis vieler internationaler Unternehmen für Osteuropa.

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P.S.: Es ist erstaunlich, dass Douglas Adams in seiner Beschreibung der Galaxis nicht auf Pieter Vink gestoßen ist. Zumindest erwähnt er ihn in seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Galaxis” an keiner Stelle. Vielleicht verbirgt er ihn auch hinter dem Todesfall Effrafax: „Dieser Effrafax verlor seine Wette – und damit sein Leben – einfach deshalb, weil irgendein pedantischer Schiedsrichter bemerkte, daß, wenn Effrafax auf dem Gelände herumspazierte, er über nichts stolperte und sich an nichts die Nase stieß”.

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