Überall Team-Telekom?

25. Mai 2007

Im Zusammenhang mit der Doping-Affaire um die Radsport-Mannschaft der Telekom hört man immer wieder die Sätze “Das hätten wir uns nie vorstellen können!” und “Wie kann denn nur so etwas passieren?”. Dabei fällt es leicht, entrüstet auf einige Sportler zu zeigen. Nur: Macht man es sich dabei nicht zu einfach? Und vor allem: Was sagt der Reiseführer “Per Anhalter durch die Arbeitswelt” zu diesem Thema? Denn: Wenn man angeblich die Tour de France nur mit Doping bestehen kann, wie sieht es dann mit dem Erklimmen der Managementhierarchie aus? Kann man mit Fairness und Ethik in Vorstandsränge überhaupt noch aufsteigen?

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Nein, an dieser Stelle soll nicht über Doping geschrieben werden. Auch nicht darüber, ob das Team Telekom mehr oder weniger “sauber” war beziehungsweise ist.

Vielmehr interessiert erstens die grenzenlose Naivität, mit der wir alles glauben, was uns vorgesetzt wird: “Nein, wir dopen nicht!” Diese kollektive Aussage eines fast kollektiv epo-isierten Rennstalls hat man geglaubt, haben die Medien geglaubt, haben fast alle geglaubt. Man hat es sich einfach nicht vorstellen können, dass so etwas passiert.

Ist es vielleicht in der Arbeitswelt nicht ganz genauso wie (unter anderem) beim Team Telekom? Denn auch in der aktuellen Arbeitswelt wurden über 10 Jahre hinweg von DaimlerChrysler vollmundige Bekenntnisse zu Chrysler abgegeben, Mitarbeiter intensiv “integriert” und dann doch 80.000 Mitarbeiter einfach an Cerberus verschleudert.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Hier wird nicht behauptet, Vorstände würden Dopingmittel benutzen. Es geht einfach nur um Glaubwürdigkeit. Hier betonen zwar Kommunikationsberater, dass Mitarbeiter ein kurzes Gedächtnis haben. Nur: Vielleicht ändert sich das einmal. Denn schlimm wäre es, wenn man den Versprechungen eines Vorstands genauso wenig trauen kann wie den Beteuerungen eines Radrennfahrers.

Zweitens interessiert die Frage, ob man eigentlich auch ohne Betrug Erfolg haben kann. Das klingt krass, ist aber tatsächlich so gemeint. Und wieder auf das Arbeitsleben bezogen: Haben diejenigen, die fair und ehrlich spielen, eine reelle Chance, nach oben zu kommen? Oder ist es wie bei der Tour de France, wo man vielleicht wirklich nur mit Doping nach oben kommt? Sicherlich gibt es Ethik-Standards. Nur hatte gerade ENRON die umfangreichsten Ethik-Standards und auch deren Wirtschaftsprüfer dürften ein derartiges schriftliches Bekenntnis gehabt haben.

Wer das Buch von Carly Fiorina über ihren Aufstieg bei HP liest, sieht sofort: Sie ist über Leichen gegangen und sie ist sich dessen auch voll bewusst. Denn das gehört dazu. Kommt man ohne Ellenbogen nach oben? Ohne kleine, fiese Tricks? Wenn es nach den obligaten Karriere-Hochglanz-Magazinen geht, ist die Antwort: Ja, natürlich, denn Ehrlichkeit und Fairness siegen! Nur, ist das wirklich so? Was passiert, wenn Kunden (oder Führungskräfte oder Betriebsräte oder “der Leistungsdruck”) eben bestimmte Dinge erwarten. Werden dann nicht auch bestimmte Dinge gemacht?

Ohne geht es nicht, alle machen es, auffallen wird es nicht … und damit haben wir genau die Logik, die wir in den letzten Tagen aus dem Radrennsport immer wieder gehört haben.

Das soll jetzt überhaupt nicht fatalistisch und negativ gelten – im Gegenteil! Es gibt glücklicherweise genug Beispiele für Ehrlichkeit und Fairness, wenngleich leider nicht immer verbunden mit Super-Erfolg. Umso mehr muss an der schwierigen Trennlinie gearbeitet werden, die ehrlich&fair von unehrlich&unfair abgrenzt. Das ist gerade in einer darwiportunistischen Arbeitswelt relativ schwer und setzt eine wirkliche Dialogkultur voraus.

Ein kleines Hilfsmittel ist die Idee des Whistle-Blowings. Dazu findet man im Reiseführer “Per Anhalter durch die Arbeitswelt” folgenden Eintrag: “Unter Whistle-Blowing versteht man ein System, wo Mitarbeiter (a) anonym und (b) teilweise über Externe neutralisiert, auf (c) Missstände hinweisen können, wobei (d) diesen Meldungen auch nachgegangen wird. Es gibt ferner (e) noch die Extremform, wo Mitarbeiter offen diese Meldung machen. Diese Formen von echtem Whistle-Blowing sind nicht zu verwechseln mit der üblichen PR-Aktion, wo im Sinne der Informatio Diametrales ein solches System nur zum Bluff für Externe existiert, aber nicht praktiziert wird.”

Allerdings findet man noch einen weiteren Eintrag: “Whistle-Blower ist (a) eine Person, die offenes Whistle-Blowing praktiziert hat und die deshalb sofort und für immer in eine betriebliche Strafabteilung versetzt wurde, sowie (b) ein Idealist, der 2010 auf die Liste der aussterbenden Rassen gesetzt wurde.”

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P.S.: Douglas Adams beschreibt in seinem Reiseführer “Per Anhalter durch die Galaxis” folgende Szene: “Die Besucher merken, wie sie blind in eine entfesselte Sonne starrten, die jetzt vor ihnen stand, wo Sekunden zuvor nicht einmal ein leerer Raum gewesen zu sein schien. Es dauerte ein, zwei Sekunden, ehe sie sich genügend klar darüber wurden, was geschehen war, und die Hände vor ihre entsetzten geblendeten Augen schlugen.” Meint Douglas Adams damit das Radsportteam Telekom? Oder konkrete Vorfälle aus unserer aktuellen Arbeitswelt?

P.P.S.: Aufgrund der geringen Leserzahl für diesen Beitrag (Stand 13. Juni: 299) ist der Anhalter zunächst frustriert. Allerdings gibt es für die Zahl 299 einen Grund: Nachdem der Beitrag schon rund 1700 mal gelesen wurde, führte eine Serverumstellung dazu, dass der Counter wieder bei null startete.

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