re:publica 2017 als Tupperware-Party: Was verbindet IBM und Andrea Nahles?

7. Mai 2017

Auch wenn nicht jeder eine echte Tupper-Ware-Party erlebt hat, wissen wir alle um ihre tiefere Logik. Was hat das aber mit der re:publica zu tun? Und wo kommen der Industriegigant IBM und die Arbeitsministerin Andrea Nahles ins Spiel? Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ klärt pünktlich zum Start der diesjährigen re:publica auf.

In Berlin steht wieder einmal die re:publica auf dem Programm, eine Veranstaltung mit lauter tollen und hippen Menschen. Bereits ein erstes Durchblättern des Programms zeigt überall die gleiche Botschaft: Arbeit und Leben verschmelzen, die Technik in allen Facetten ist der Treiber, alles wird agil, flexibel und dynamisch.

In der digitalen Transformation gibt es für dieses Szenario den Fachausdruck „Work-Life-Blending“. Firmen wie Daimler, Telekom und IBM träumen hier von Menschen, die sich mit maximaler Flexibilität an alle Erfordernisse der globalen Wirtschaft anpassen und diesen Zustand als maximales Lustgefühl genießen.

Laut eigener Aussage ist die re:publica ein heterogener Mix aus Teilnehmern. Zu dieser bunten Mischung passt, dass sich Speaker selber melden und (vielleicht) auftreten dürfen. Woher aber kommt dann die einseitige Ausrichtung der re:publica? Könnte es hier eine gewisse Tendenz in eine gewisse Richtung geben?

An dieser Stelle unternimmt der Autor des Reiseführers durch die Arbeitswelt einen Selbstversuch. Er bewirbt sich mit einem Vortrag unter dem Titel: „Nominierung von Work‐Life‐Blending zum Unwort des Jahres 2017“. Der Vortragsvorschlag wird abgelehnt und die re:publica 2017 übertrifft an Einseitigkeit noch die re:publica 2016.

Nimmt man die 31 Beiträge von IBM@re:publica, so passt alles wunderbar zusammen: von der grundsätzlichen Einstimmung bis hin zur obligaten „Sprecherin der jungen Generationen“, die als echte Tupperware-Partymanagerin auch schon bei Daimler und anderen Konzernen ihr Loblied auf absolutes Work-Life-Blending gesungen hat.

Nur: Will die junge Generation wirklich Work-Life-Blending? Wollen das andere Generationen? Vieles spricht dafür, dass die Antwort „Nein“ lauten könnte.

Was diese neue Arbeitswelt wirklich bedeutet, die sich hier auf der re:publica großflächig präsentiert und in den höchsten Tönen gepriesen wird, hat IBM vorgemacht. Aber irgendwie haben offenbar alle vergessen, dass es bei IBM ein Programm mit dem unschuldigen Namen „Liquid“ gibt: Danach werden Mitarbeiter in großem Umfang in die Cloud entlassen. Von dort können sie ja als Crowd-Worker arbeiten, falls ihre Kosten-/Nutzenangebote akzeptiert werden.

Wer mehr zur Philosophie von IBM wissen möchte, sollte nach IBM und Liquid googeln.

Die Opfer von Liquid und ähnlichen Bewegungen dieser (un-)schönen neuen Arbeitswelt erleben ihr maximiertes Work-Life-Blending zu Hause im täglichen Kampf um Aufträge beziehungsweise in einer 24/Rufbereitschaft. Das mag die selbsterklärte „Sprecherin der Generation Y“ alles total cool finden, weil sie dann – wie sie es auf ihrer Homepage beschreibt – in Ruhe in einer bequemen Trainingshose Tee trinken und darüber nachdenken kann, wie man den jungen Menschen Work-Life-Blending schmackhaft machen kann.

Auch sonst gibt es bei IBM@re:publica alles, was in dieser speziellen Filter-Bubble Rang und Namen hat: von der DGFP über KPMG bis zur Deutschen Bahn und Daimler. Am Schluss kommt wie in der Kirche der professorale Segen. Und wer jetzt nicht beim Work-Life-Blending unterschreibt, ist selber schuld. Irgendwie fallen einem an dieser Stelle Buch und Film „Die Welle“ ein.

Die re:publica ist eine Tupperware-Erlebnisparty für Verkäufer und Käufer einer sich als alternativenlos gebenden Ideologie der Digitalisierung, in der Technik und Unternehmen die Impulsgeber sind, an die sich Privatleben und Menschen anpassen.

Von anderen Entwicklungspfaden in die digitale Welt ist bei der re:publica nicht die Rede. Bei Musik und lustigen Zeichnungen erleben wir, wie herrlich schön das Gefühl ist, als Mitarbeiter rund um die Uhr wirklich zu 100% flexibel für das Unternehmen da zu sein. Und Andrea Nahles (wie im letzten Jahr auch in diesem Jahr vertreten) liefert uns dazu die passenden Gesetze, die alles das ermöglichen: etwas sozialdemokratisch angehaucht, letztlich aber voll neoliberal-industriekompatibel.

Sicher gibt es auch in diesem Jahr Ausnahmen wie Sascha Lobo, der sich regelmäßig system- und netzkritisch äußert. Ob er sich diesmal zu den Programmgestaltern äußert? Trotzdem: Insgesamt verleugnet die re:publica ihre durch Johnny Haeusler und Markus Beckendahl geprägte Gründungsvision als kritische Stimme zur digitalen Gesellschaft.

Früher trat bei der re:publika die „Netzgemeinde“ auf. Jetzt dominieren Politiker, Wirtschaftsvertreter sowie ihre professionellen Lobbyisten und Claqueure.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wer als Kettenraucher in seiner Lebensweise bekräftigt werden möchte, der soll und kann zu einem Kongress für und von Kettenrauchern gehen. Also: Wer von Work-Life-Blending in einem digitalen Feudalismus träumt, der soll und kann zur re:publica gehen.

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P.S. Natürlich hat sich auch Douglas Adams in seinem unüberbietbar aktuellen Reiseführer durch die Galaxis mit derartigen Filter-Bubbles beschäftigt, in denen alle irgendwie gleich sprechen und immer gleicher denken, bis es zur Katastrophe kommt: „Jeden Augenblick, dachte er, müsse er losschreien. Unter der Blase kochte das Wasser hoch, es schäumte und sprudelte.“

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