HR Next Generation: Planet der Frauen?

24. April 2014

Gesucht wird zur Zeit nicht nur Germany’s Next Topmodel, sondern auch Deutschlands nächster HR-Star. Und wie bei Heidi Klum dürfte die Wahl wieder auf eine Frau fallen. Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ diagnostiziert den Wahlvorgang und ruft zum Handeln auf.

Auf seinen langwierigen Reisen durch die alles andere als langweilige Arbeitswelt stößt der Autor dieses Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ immer wieder auf alle möglichen und unmöglichen Besonderheiten. Dazu zählen  große Marmorplatten, auf denen Helden gefeiert werden. Eine Marmorplatte trägt den wunderschön-poetischen Namen „HR Next Generation Award“. Auf dieser Marmorplatte stehen die Finalisten und der Sieger: Sie werden gebührend gefeiert und ins mediale Scheinwerferlicht gestellt, denn sie personifizieren schließlich das „neue Personalmanagement“, das nicht nur aus gestandenen Personalvorständen, sondern eben auch aus Nachwuchsmanagern besteht.

Doch was fällt sofort auf: Meist besteht die Finalrunde nur aus Frauen, weshalb – wen überrascht es – Frauen eine recht hohe Gewinnchance haben. Natürlich haben diese Frauen alle den Sieg verdient und sollen auf diese Weise auch eine nachträgliche Gratulation durch Erwähnung in diesem Reiseführer erhalten.

Trotzdem sei die vielleicht politisch nicht ganz korrekte Frage erlaubt <und bitte dem Autor dieser Zeilen nicht gleich wieder Frauenfeindlichkeit unterstellen>: Haben wir als HR-Nachwuchs wirklich ausschließlich Frauen? Was passierte mit den Männern? Gibt es die in HR nicht mehr? Wollen oder dürfen sie nicht mehr in den HR-Bereich? Werden sie nicht nominiert oder – noch schlimmer – diskriminierend nicht ausgewählt? Oder sendet die Aktion vielleicht unbewusst ganz falsche Signale aus und lockt daher ausschließlich Frauen an?

Spätestens jetzt wird es klar: Dieser Reiseführer darf nicht nur Fragen stellen. Er muss – wie auch sonst – Empfehlungen und Ratschläge geben. Sie gelten sowohl für die laufende Aktion (denn die Suche nach der nächsten Generation von HR-Managern läuft noch drei Monate), wie auch für die Aktionen der nächsten Jahrzehnte.

Also, fangen wir mit dem Titelbild der Aktion „HR Next Generation Award“ an. Bereits dieses Bild ist mehr als verräterisch und würde eine saftige Diskriminierungsklage gegen die Veranstalter rechtfertigen: Eine strahlende Frau im Vordergrund, unscharf dahinter drei Männer, offenbar zwei krawattentragende Führungskräfte und ein resignierender Jungmanager, der es – anders als die süffisant lächelnde Frau im Vordergrund – nicht nach vorne geschafft hat.

Dieses Bild darf in keiner Personalvorlesung über geschlechtsspezifische Diskriminierung fehlen und müsste eigentlich auch in Personallehrbücher aufgenommen werden.

Daher ein erster Rat und zwar an diejenigen, die für die Werbung verantwortlich sind.

Appell an die PR-Verantwortlichen der Aktion: Erhöhen Sie bereits in diesem Jahr die Chancengleichheit durch ein faires Plakat und einen überarbeiteten Internetauftritt!

Jetzt zur Vorauswahl. Wenn in die Endauswahl nur Frauen kommen, ist relativ klar, dass eine Frau gewinnen muss.

Genau das umgekehrte Problem haben wir in manchen Unternehmen, wo es Frauen schwer haben, in die Endauswahl zu kommen. Deshalb versucht man dort gegenwärtig die Chancengerechtigkeit zu erhöhen, indem man verpflichtend in die Endrunde Frauen aufnimmt.

Warum wendet man dieses Prinzip des Minderheitenschutzes nicht auch hier an und nimmt zwingend diesmal Männer in die Endrunde auf? Damit könnten die Verantwortlichen ein Zeichen setzen. Nicht nur, dass sie den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ gelesen haben, sondern auch, dass sie Männern eine Chance geben.

Appell an die Vorauswählenden: Machen Sie es wie in Unternehmen und rekrutieren unabhängig von der Qualifikation  40% der Teilnehmer an der Endrunde aus der Gruppe der Minderheit (hier also der Männer)!

Doch eine Kernfrage bleibt: Warum wählt man offenbar eher Frauen? Auf diese Frage sollten wir eigentlich eine Antwort bekommen.

Appell an die Jury: Analysieren Sie sich und finden Sie heraus, warum bei Ihnen eigentlich nur Frauen eine Chance haben!

Noch einmal: Ein derartiger Wettbewerb ist – wenn er wirklich fair über die Bühne ginge – eine wirklich gute Idee. Denn wir brauchen mehr Sichtbarkeit für die HR-Funktion. Deshalb sollten ihn auch Personalabteilungen unterstützen und sich vom impliziten „Contra-Männer in HR“-Slogan distanzieren.

Führungskräfte aus der Praxis haben es in der Hand, wen sie nominieren. Wäre es nicht gut, zumindest 2014 einmal konsequent genauso viele Männer wie Frauen in den Wettbewerb zu schicken?

Appell an HR-Führungskräfte: Dieser Wettbewerb setzt gegenwärtig ein trauriges, aber realistisches Zeichen. Geben Sie diesmal auch Ihrem männlichen HR-Nachwuchs eine Chance!

Aber ist es nicht auch im Interesse der Frauen, wenn Männer in Personalabteilungen zumindest eine Außenseiter-Chance haben? Wollen wir wirklich Personalabteilungen, die ausschließlich aus Frauen bestehen? Und wollen wir HR-Preise, von denen wir wissen, dass sie eigentlich nur für Frauen sind?

Appell an alle HR-Frauen: Bitte ziehen Sie diesmal Ihre Bewerbung für diesen Preis zurück!

Vielleicht sind Männer auch nur zu schüchtern und trauen sich eine derartige Bewerbung, das Auswahlgespräch, den Medienrummel und das Herumlaufen auf dem roten Teppich nur nicht zu. Aber man könnte es doch zumindest einmal versuchen.

Appell an alle HR-Männer: Seien Sie mutig und bewerben Sie sich um diesen Preis!

Wenn es diesmal wieder kein Mann in die Endrunde schafft, ist dieser Preis für Männer gestorben. Denn offenbar ist dann die Wahrscheinlichkeit für einen Mann größer, bei Heidi Klum zum „Next Topmodel“ gewählt zu werden, als den „HR Next Generation Award“ zu gewinnen.

Zum Abschluss und in die Zukunft gerichtet, liefert der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ in seiner bekannt innovativen Art noch einen ganz andersartigen Vorschlag, auf dessen Umsetzung er gespannt warten wird.

Appell an die Organisatoren 2015: Machen Sie den nächsten Wettbewerb explizit geschlechtsneutral ohne Foto und ohne Namen!

Das wäre wirklich ein Zeichen und wirklich eine Innovation.

P.S.: Was hier in diesem Reiseführer so harmlos nett und neutral angeregt wird, könnte aber – um mit Douglas Adams und seinem Bestseller „Hitchhiker’s guide through the galaxy“ zu sprechen – vielleicht doch mehr sein: „Diese Idee wäre eine sehr, sehr kleine Bombe, die schlicht und einfach eine Verteilerdose im Hyperraum war, die, wenn scharf gemacht, den Kern jeder größeren Sonne gleichzeitig mit dem Kern jeder anderen größeren Sonne fusionierte und so das gesamte Universum in eine gigantische Supernova verwandelte. Und damit war die ganze Idee mit Entsetzen erfüllt.”

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