Martin Winterkorn: Mindestens 75 Millionen Schadenersatz?

28. September 2015

Martin Winterkorn, vom Handelsblatt als „ethischer Kompass für Deutschland“ bezeichnet, wird mittlerweile vor allem mit einer Schummelsoftware in Verbindung gebracht, die der Umwelt, dem Konzern und Deutschland geschadet hat. Grund genug, über einen symbolischen Schadensersatz durch den ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden nachzudenken.

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Der Autor dieses Beitrags für den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ erklärt sich für befangen: Er fährt seit Jahrzehnten ausschließlich Fahrzeuge aus dem VW-Konzern – zum Glück war nie ein Diesel dabei. Er hat Jahrzehnte lang überproportional oft die Personalarbeit von VW als überdurchschnittlich gut und überdurchschnittlich wegweisend gelobt. Und jetzt das: Der Autor dieses Beitrags ist einfach nur enttäuscht. Wie kann so etwas passieren? Und wie soll es jetzt weitergehen?

Die Bewunderung der deutschen Medien für Martin Winterkorn war grenzenlos. So schrieb das Handelsblatt am 18. Januar 2013 in seinem Morning Briefing: „Gemeinsam mit dem Aufsichtsrat arbeitet er (Martin Winterkorn) an einer Begrenzung der Vorstandsgehälter. Es sind Geschichten wie diese, die uns Zuversicht geben. In Wolfsburg befindet sich offenbar jener ethische Kompass, der in New York, London und zuweilen auch in Frankfurt verloren gegangen scheint.“

Natürlich gibt es immer wieder notorische „Neider“, die darauf hinweisen, dass es mit dieser Begrenzung nicht so richtig geklappt hat und die sich an den weiterhin ziemlich hohen Bezügen von Martin Winterkorn stoßen.

Rückblickend hält der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ fest: „Das unvorstellbar hohe Gehalt für Martin Winterkorn wird mit seinem hohen technischen Wissen und seinem hohen ethischen Standard begründet.“

Nun hat sich allerdings einiges geändert, denn VW hat wieder einmal eine technische Innovation und einen Paradigmenwechsel zur Umweltverträglichkeit geschaffen. Nicht etwa, dass der VW-Motor die Umwelt schont. Nein: Wenn das Auto sich laut Tacho bewegt, aber trotzdem auf der Stelle stehen bleibt, dann steht es auf dem Prüfstand. Und dann werden ganz schnell die Motorleistung und damit der Ausstoß an Schadstoff reduziert. So einfach ist das – aber darauf muss man erst einmal kommen.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert ganz nüchtern: „Schummelsoftware ist ein (1) mit Martin Winterkorn und (2) VW in Verbindung stehendes Computerprogramm, mit dem Unternehmen Umweltstandards lediglich virtuell per Computer erfüllen, zu verstehen als (3) Vorgeschmack auf die Digitalisierung in der Industrie 4.0 und (4) als Beleg für die guten Beziehungen von Unternehmen zu unseren politischen Aufsichtsgremien.

Es widerspricht jeglicher Alltagserfahrung, dass ein derartiges Computerprogramm in 11 Millionen Autos eingebaut wird, die urplötzlich hyper-umweltverträglich sind – und der technisch versierte Unternehmensleiter hat nichts davon geahnt. Zumindest der Autor dieses kleinen und unbedeutenden Reiseführers kann es sich auch nicht vorstellen, dass alle anderen Top-Manager (bis hin zu solchen bei Porsche) sowie die Mitglieder des Präsidiums des Aufsichtsrats völlig ahnungslos waren. Denn so eine Schummelsoftware wirkt nicht nur wie eine Fahrlässigkeit im Sinne von „ist einfach passiert“. Hier scheint man durchaus in die Nähe zu Vorsatz und Betrug zu geraten: So ist es schon ein gewaltiger Unterschied, ob man den Benzinverbrauch unter idealen Bedingungen misst und damit „etwas schönt“ oder ob man einfach ein Computerprogramm schreibt, das unabhängig von der wirklichen Umweltverträglichkeit quasi automatisch die Plakette zur Umweltverträglichkeit ausdruckt.

Vorschlag #1: Die Eigentümer von VW sollten ganz schnell prüfen, ob nicht (1) sofort alle Abfindungen sowie Restzahlungen für Martin Winterkorn gestrichen und (2) Schadensersatzforderungen geltend gemacht werden, die man allerdings vielleicht auf (3) das Tagesgehalt von Martin Winterkorn x Anzahl der Einsatztage der VW-Schummelsoftware oder aber (4) das Jahresgehalt von Martin Winterkorn x Anzahl der betroffenen Autos deckeln sollte, um (5) nicht den Lebensstandard von Martin Winterkorn zu sehr abzusenken. Gleichzeitig müsste geprüft werden, ob hier nicht (6) die „Directors & Officers-Versicherung“ für Fehlverhalten von Vorständen die Zahlung verweigern, also (7) Martin Winterkorn aus der eigenen Tasche zahlen sollte.

Da (3) und (4) noch etwas Rechenleistung erfordern, könnte man als Startwert einmal 75 Millionen Euro ansetzen.

Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, mit zweistelligen Millionenbeträgen für einen Rücktritt belohnt zu werden. Dass von Kündigung und Regressforderungen nicht nur Martin Winterkorn sondern noch sehr (!) viele andere betroffen sein müssten, versteht sich von selbst. Meint es VW gezwungenermaßen ernst mit „Kulturwandel“ und „wir haben gelernt“, so müssten alle (!) diejenigen, die bei dieser unfassbaren Aktion mitgespielt haben, zur wirklichen (!) Verantwortung gezogen werden.

Vorschlag #2: Auch die Staatsanwaltschaft in Hannover sollte die Ermittlungen gegen Martin Winterkorn und seine Ziehkinder aufnehmen, also nicht abwarten, was Staatsanwälte in den USA machen.

Denn hier geht es nicht nur darum, dass VW durch diese Aktion ein Milliardenschaden entstanden ist. Zumindest die Nähe zu Straftatbeständen wie Untreue scheint gegeben. Aber es müsste noch weitergehen: Wenn Unternehmen und ihre Leitungskräfte mit Umweltvorschriften ungestraft so umgehen, wie es VW getan hat, dann greifen unsere Gesetze nicht und unsere Gesetzgeber sollten vielleicht von den USA lernen.

Vorschlag #3: Martin Winterkorn sollte ganz rasch ein Team von Anwälten auf Gefahren ansetzen, die für ihn persönlich aus dem Ausland drohen und er sollte sehr vorsichtig in der Wahl seiner Reiseziele sein.

Vielleicht kann er sich hier auch Rat von Sepp Blatter einholen, der vermutlich auch nicht mehr so unbeschwert in die Vereinigten Staaten reisen wird.

Vorschlag #4: Der VW-Konzern sollte von anderen (deutschen) Unternehmen lernen, die jahrelang durch wesentlich kleinere Vergehen zu „Getriebenen“ wurden und sich vermutlich heute wünschten, rascher und konsequenter gehandelt zu haben.

Der „Fall Winterkorn“ lehrt uns noch weiteres: Vielleicht sollten wir die Epoche der feudalistischen Führungspersonen in Unternehmen, Politik, Universitäten und Medien überwinden. Wir sollten über die Idee der Unternehmenskultur nachdenken und sehr sorgsam mit dem Wort „Ehrlichkeit“ umgehen.

Vorschlag #5: Medien sollten sehr vorsichtig sein und wirklich genau recherchieren, bevor sie jemanden zum „ethischen Kompass“ ernennen.

Auch wenn natürlich die Führungsetage deutscher Unternehmen nie so etwas Unbedeutendes wie den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ liest und sich auf die hochbezahlten Berater der ganz großen Beratungsfirmen verlässt, zum Abschluss noch eine kleine Anmerkung: Wenn es stimmt, dass Matthias Müller als Nachfolger von Martin Winterkorn gesagt hat „Wir brauchen jetzt klarere Compliance-Regeln“, dann ist dies der völlig falsche Weg.

Unternehmenskultur hat nichts mit schriftlich dokumentierten Regeln zu tun. VW hatte immer schon ein Übermaß an Papier und Regeln. Jetzt gilt es, die pathologische Kultur zu verändern, die statt einer seriösen Einstellung zu Umwelt und Kunden die Entwicklung sowie den Einsatz derartiger Schummelsoftware ermöglicht hat. Dazu braucht es mehr als die neue Regel, in Zukunft Gesetze einhalten zu wollen.

Vorschlag #6: Matthias Müller als Nachfolger und angeblicher Ziehsohn von Martin Winterkorn sollte (1) glaubhaft begründen, wieso er nicht ansatzweise von der Existenz und Nutzung der Schummelsoftware wusste und sollte (2) sich mit der wahren Logik von Unternehmenskultur vertraut machen. Sie hat VW in der jüngsten Vergangenheit in die falsche Richtung gelenkt und kann nur durch ein radikales Re-Engineering geändert werden.

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P.S. Im Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ lässt Douglas Adams zwar keinen VW auftreten, wohl aber einen Ford, genauer gesagt den Protagonisten Ford Prefect. Und der weiß genau, dass er nie eine große Organisation leiten möchte: „Denn das würde Verantwortung bedeuten, Büroarbeit bis spät in die Nacht – ganz zu schweigen von der Teilnahme an massiven, zeitraubenden Betrugsprozessen und ziemlich langen Gefängnisaufenthalten.”

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