Kritische Überlebenshilfe: Leitlinien für die Autorisierung von Interviews

26. März 2017

„Wir lassen grundsätzlich keine Texte authorisieren, da muss ich Sie enttäuschen.“ So beginnt eine E-Mail der FAZ. Liegt das nur an der FAZ, die offenbar auch eine andere Schreibweise für „autorisieren“ hat? Nun, auf ein Interview, bei dem ich meine Passagen nicht autorisieren darf, verzichte ich natürlich: Denn zum Glück gibt es ja wegweisende Leitlinien für die Interview-Autorisierung aus dem Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“.

Zunächst einmal die beruhigende Nachricht: In fast 40 Jahren voller bereichernder Medienkontakte kann ich mich – abgesehen von einem (!) unangenehmen Kontakt mit einem unangenehmen Buchautor und einem (!) unangenehmen Kontakt mit einer „Filmemacherin“ – an keinen (!) einzigen Fall erinnern, bei dem jemand meinen Autorisierungswunsch abgelehnt hat und nur an einen (!) einzigen Fall, bei dem nach der Autorisierung etwas Nicht-Autorisiertes gedruckt wurde.

** Jetzt kommt ein kleiner Exkurs, der die Notwendigkeit der Autorisierung begründet. Der eilige Leser möge zu Regel #1 springen **

Gerade dieser letztgenannte Fall zeigt, wie fatal Nicht-Autorisierungen sein können. So berichtet Christine Demmer in ihrem Beitrag (4/2014) für die Personalwirtschaft: „Untergangsprophet Scholz hat viele solcher Dystopien auf Lager, und er verkündet sie mit Inbrunst. ‚Der Prozess des Niedergangs hat Anfang der 90er-Jahre mit der virtuellen Personalabteilung begonnen’, beschreibt er den Anfang vom Ende.“

Wo liegt das Problem? Zunächst einmal war dieser Satz natürlich nicht autorisiert. Er liegt auch konträr zu meiner bisherigen Forschung, die seit Mitte der 1990er Jahre gerade die virtuelle Personalabteilung als potenzielle Lösung anbietet. Auf diesen Vorgang angesprochen, kam die Antwort von Christine Demmer: „Den Satz habe ich nach Freigabe der anderen Zitate eingefügt. Er stammt wörtlich von Ihnen, sehen Sie meine Mitschrift unten. Schönes Wochenende und Gruß.“

Nun ist es relativ irrelevant, was in einer Mitschrift steht. Die Autorisierungspflicht bleibt und irgendetwas einfach mal nachher lustig einzufügen, weil es irgendwie zu passen scheint, geht gar nicht. Deshalb sollten Interviewpartner wissen, wie der konkrete Journalist arbeitet, mit dem sie sprechen: Vor allem sogenannte „profilierte“ Journalisten sind hier für Interviewpartner gefährlich, denn im Regelfall profilieren von Verlagsleitungen als „profiliert“ eingestufte Journalisten sich selber – im Zweifelsfall und ohne zu zögern auch zulasten der Interviewpartner.

Aber selbst wenn ich das so gesagt haben sollte, wäre es ein Versprecher gewesen, da es einen Unterschied zwischen Personalabteilung (=organisatorische Einheit) und Personalarbeit (=Aktivität, durchgeführt von wem auch immer) gibt. Das muss jetzt nicht unbedingt jeder Nicht-Fachmann verstehen und wissen. Es ist aber wichtig. Unabhängig davon also, ob ich mich versprochen habe – was ich nicht glaube – , dienen Autorisierungen gerade auch dazu, Versprecher zu korrigieren und nicht daraus eine Zentralbotschaft zu machen. Versprecher unautorisiert zu übernehmen und auszuschlachten, das wäre genauso grotesk, wie wenn ich basierend auf dem Tippfehler („Authorisierung“) von Julia Löhr aus obiger Mail einen Artikel produzieren würde, wonach Journalisten der FAZ inzwischen statt Deutsch konsequent auf Denglisch setzen.

Es ist richtig, dass unter Zeitdruck Fehler passieren. So hätte es auch der Redaktion der Personalwirtschaft auffallen müssen, dass dieses Zitat so nicht stimmen kann, gab es doch in der gleichen Zeitschrift zwei Jahre zuvor einen Beitrag von mir mit dem Titel „Virtuelle Personalabteilung als organisatorische Antwort“. Es ist ihr aber nicht aufgefallen. Im Gegenteil: Sie hat diesen obigen Satz zur virtuellen Personalabteilung noch extra fett hervorgehoben. Gerade deshalb brauchen wir eine umfassende Autorisierung.

Dieser Vorgang zeigt noch ein weiteres Problem, nämlich das des Kontextes, in dem das Zitat steht. Denn: Plötzlich wurde ich bei Christine Demmer auf „Untergangsprophet“ reduziert, der ausschließlich solche Dystopien auf Lager hat und sie mit Inbrunst verkündet. Kein Wort davon, dass ich im Interview mehrfach auf meine positive Visionen als Alternative zum problematischen Abbau der Personalfunktion hingewiesen habe. Also brauchen wir nicht nur eine Autorisierung des Zitates (die ja hier gefehlt hat), sondern auch Autorisierung im Kontext.

Passieren solche Fehler, sind sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen. So muss ich damit leben, dass ich 20 Jahre nach „Erfindung“ meiner virtuellen Personalabteilung diese jetzt (angeblich) als Anfang vom Ende bewerte. Zwar hat die Redaktion der Zeitschrift angeboten – in einer noch im Detail bei Gelegenheit abzustimmenden Form – einen redaktionellen Hinweis zu bringen, wonach ich diese Aussage so nicht gemeint habe. Der Nutzen dieser drei Zeilen wäre gleich Null gewesen und ich habe darauf verzichtet. Und im übrigen steht dieser Artikel sowieso mit genau dieser nicht-autorisierten Fehlaussage immer noch auf der Webseite des Verlags.

Vielleicht lieben Verlage Journalisten, die derartige Sätze und Bewertungen produzieren – egal ob sie dem Interviewpartner schaden, der vertrauensvoll seine Zeit verschenkt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mit Christine Demmer nie mehr zusammengearbeitet habe. Ich weiß aber auch, dass ich mit keinem anderen Journalisten bisher derartige Erfahrungen gemacht habe – aber seit diesem Vorfall noch besser aufpasse und das Interview mit Julia Löhr von der FAZ auch sofort nach ihrer Mail abgesagt habe.

** Exkurs Ende **

Wenn jetzt die Nicht-Autorisierung selbst bei einem seriösen Medium wie der FAZ sogar im Umgang mit Wissenschaftlern üblich wird, will der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ seinem Serviceauftrag gerecht werden, also zumindest für Wissenschaftler und für Unternehmensvertreter Leitlinien für die Interview-Autorisierung aufstellen.

Regel 1: Zitate müssen autorisiert werden.

Auch wenn „Boulevard-Medien“ es vielleicht bei Politikern und B-Promis anders machen: Die Aussagen von Wissenschaftlern und Unternehmensvertretern erheben Anspruch auf Seriosität. Hier dürfen bei der Wiedergabe keine Fehler passieren. Ein Wort an der falschen Stelle kann aus Fakten ganz schnell „alternative“ Fakten machen. Also: Alle Zitate sind zu autorisieren.

Regel 2: Bei Zitaten, die erst durch ihr Umfeld zu Aussagen werden, muss dieser Kontext bei der Autorisierung mit angegeben werden.

Ist das Zitat für sich alleine aussagekräftig, muss der Kontext des Zitates nicht autorisiert werden: Ansonsten greift aber Regel 2. Nehmen Sie den Satz „Das halte ich für völligen Unsinn“: Er kann hinter die unterschiedlichsten Aussagen gesetzt werden. Daher muss der Interviewpartner die Chance bekommen, das Umfeld zu verstehen, in dem sein Zitat später publiziert wird. Professionelle Fach-Journalisten kennen diesen Kontext und bieten trotzdem im Regelfall die Autorisierung ohne Aufforderung an – auch zur eigenen Qualitätssicherung.

Regel 3: Die Autorisierungsforderung gilt gleichermaßen für direkte wie für indirekte Zitate.

Der Deutsche Journalisten-Verband erklärt, dass indirekt wiedergegebene Zitate sowieso immer von der Autorisierung ausgenommen sind. Das kann man so fordern, aber darauf sollten sich weder Unternehmen noch Wissenschaftler einlassen.

Regel 4: Interviews sind, bis auf den redaktionellen Vorspann, als Ganzes zu autorisieren.

Interviews werden von Journalisten teilweise nach dem Gespräch leserfreundlich geschrieben. Das ist nicht unproblematisch, denn wir alle kennen das Phänomen der stillen Post. Trotzdem sind derartige Überarbeitungen gut: Zum einen ist der ungefilterte Redestil oft nicht gut lesbar, zum anderen lassen sich Pointen auf diese Weise besser herausarbeiten. Hier habe ich schon häufig sehr gute Erfahrungen gemacht und gemeinsam mit dem Journalisten an leserfreundlichen Interviews gefeilt. Aber: Auch und gerade hier sind Autorisierungen Pflicht!

Regel 5: Bei Autorentexten darf es keine Änderungen ohne Zustimmung der Autoren geben.

Bei Regel 5 geht es um Beiträge, die beispielsweise ein Forscher über sein Spezialthema schreibt und die dann eine Zeitschrift oder eine Zeitung veröffentlicht. Hier darf abgesehen von Rechtschreibfehlern ohne Rücksprache mit dem Autor nichts geändert werden. Denn es ist immer gefährlich, wenn ein Laie unter Zeitdruck „stilistisch“ redigiert. Die gute Nachricht: Auch dieser Punkt ist bei guten Medienpartnern kein Problem. Die einzige Ausnahme stellt sich beim Titel: Hier greifen manche Redaktionen ein, aber weniger um inhaltliche Akzente zu setzen, sondern einfach um Leser zu gewinnen. Das ist etwas, bei dem Autoren nachgeben könnten.

** Eilige Leser können an dieser Stelle mit der Lektüre aufhören und an den Schluss mit dem obligaten Verweis auf Douglas Adams springen. **

Soweit die Leitlinien, jetzt noch einige Empfehlungen:

Empfehlung 1: Unternehmen sollten klare Leitlinien für alle Mitarbeiter für den Umgang mit allen Journalisten formulieren.

Viele Unternehmen haben derartiges und das ist auch gut so. Deswegen vertritt auch der Bundesverband deutscher Pressesprecher richtigerweise die Position, dass an der Autorisierung nicht gerüttelt werden darf. Wichtig: Diese Leitlinien sollten die oben genannten Regeln als Mindestregularium ausweisen und darauf hinweisen, dass für Unternehmen (wie für Wissenschaftler) der Satz nicht gilt „Schlechte Presse ist besser als keine Presse“.

Empfehlung 2: Wissenschaftsverbände sollten ihre Mitglieder aufrufen, konsequent auf Autorisierungen zu bestehen und Medien zu boykottieren, die derartiges ablehnen.

Im zunehmenden Wettbewerb glauben gerade Nachwuchswissenschaftler, Nennungen in der Presse förderten ihre Karriere. Dieser Schuss kann aber schnell nach Hinten losgehen. Also: Im Zweifelsfall lieber höflich auf terminliche Engpässe hinweisen, wenn die Autorisierung verweigert wird. Und falls man den Autorisierungswunsch vorher vergessen hat, gleich am Anfang (!) des Gesprächs darauf hinweisen und diesen Satz nachher in einer E-Mail bekräftigen.

Empfehlung 3: Vorher immer die zentralen Fragen, das Erscheinungsmedium und den Namen des Interviewpartners erfragen. Liegen diese Informationen nicht vor, lieber absagen – außer Sie arbeiten schon länger mit diesem Journalisten zusammen.

Generell bietet es sich also an, im Vorfeld Informationen über Journalisten zu sammeln, mit denen sie sprechen sollen. Dabei kann es durchaus interessant und wichtig sein, mit Journalisten zu arbeiten, die vom betreffenden Thema wenig Ahnung haben. Man sollte es aber wissen und sich darauf einstellen. Problematisch sind ideologiegesteuerte Journalisten, die Sie lediglich als „Bestätiger“ nutzen wollen: Diese Journalisten haben vorab eine exakte Meinung und Ihre Zitate vorab schon in den fertigen Artikel eingesetzt. Ob sie als „Bestätiger“ vorgesehen sind, merken Sie spätestens dann, wenn Sie zum zweiten Mal „aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass ….“ gefragt werden. Gefahr ist immer dann im Verzug, wenn Sie auf diese Weise in einer Ecke landen, wo Sie am Ende angeblich etwas bestätigt haben, was Sie nicht vertreten können. Also: Bei Ihrer Position bleiben! Das schlimmste was Ihnen dann passiert: Sie werden nicht zitiert oder kommen nicht in die Sendung.

Empfehlung 4: Bereiten Sie sich vor.

Journalisten haben selten viel Zeit. Bereiten Sie konkrete Fakten und konturenreiche Aussagen vor.

Empfehlung 5: Nennen Sie nie Namen und erzählen Sie nie etwas „vertraulich“.

Das versteht sich von selbst, wird aber in der Hitze des Gefechtes leicht übersehen.

Empfehlung 6: Machen Sie einen Zeitraum für die Autorisierung aus.

Auch Sie sitzen nicht immer 24 Stunden am Computer und können eine Mail „Mit der Bitte um Autorisierung bis heute Mittag“ nicht entsprechen, wenn Sie gerade im Flugzeug schlafen. Deshalb klären, wann die Autorisierung stattfindet. Und dann sollten Sie diese auch sofort erledigen.

Empfehlung 7: Versuchen Sie, sich auf Korrekturen in den direkten Zitaten und auf wirklich zentrale Stellen zu beschränken.

Journalisten lieben ihren Text. Also: Nur das korrigieren, was tatsächlich nötig ist. Manche Skepsis der Autorisierungsverweigerer kommt von Interviewpartnern, die plötzlich ganze Texte umschreiben wollen.

Empfehlung 8: Nie Leserbriefe schreiben.

Mit dem Einsenden eines Leserbriefes erklären Sie sich einverstanden, dass dieser gekürzt werden kann. Das ist gefährlich. Deshalb ist es auch wichtig, bei Rückmeldungen an Redaktionen zu irgendwelchen Beiträgen immer dazuschreiben, dass es kein Leserbrief zur Publikation sei.

Empfehlung 9: Aufpassen auf Journalisten, die Bücher schreiben.

Diese Gefahr findet sich gut beschrieben in einer herausragenden Rezension von Gregor Keuschnig zu einem derartigen Buch: „(Jörn) Klare tarnt sich häufig mit einem naiven Frageduktus. ….. Perfide wird es, wenn er Leute bedrängt, eine Zahl über den Wert eines Menschen zu nennen. Alle verweigern sich zunächst. … Wenn dann doch eine Zahl genannt und veröffentlicht wird, folgt sofort der Kommentar, zumeist pikiert bis angewidert.“ Und die Leser jubeln, weil Jörn Klare durch sein geschicktes Interview wieder einen bösen Menschen enttarnt hat.

Empfehlungen 10: Schreiben Sie selber über Journalisten und Medien, mit denen Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Warnen Sie Ihre Kollegen.

In Zeiten des Internets gibt es dazu genug Möglichkeiten. Warum sollten nur Journalisten schreiben dürfen, was sie von anderen Menschen halten. Es geht auch umgekehrt. Interessant ist im übrigen, dass Journalisten selber ungern interviewt werden und teilweise nicht einmal auf E-Mails antworten. So hat der Autor des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ die FAZ-Journalistin Julia Löhr, von der obige E-Mail stammt, natürlich um ein Interview zu dieser Aussage gebeten und wollte diese sogar brav autorisieren lassen. Es kam aber keine Antwort.

Empfehlungen 11: Medien sollten einer klaren Autorisierungspolitik gemäß Regel 1 bis 5 folgen und auf diese Autorisierungspolitik hinweisen.

Tun sie das, zeigen sie Sinn für Qualität und Fairness. Tun sie es nicht, wissen Leser und Interviewpartner, woran sie sind.

Empfehlungen 12: Sagen Sie „nein!“, wenn die Autorisierung entsprechend obiger Regeln nicht zugesichert wird.

Das Risiko, mit einem nicht-autorisierten Interview böse im Abseits zu landen, ist wesentlich größer als die Chance, durch eine kurze Nennung in irgendeinem Text Karriere zu machen. Lediglich wenn Sie zum „Liebling der Medien“ aufrücken und Zeitschriften sich mit rührenden Homestories über Sie in Ihrem Haus am See überbieten, dann können Sie immer gewinnen. Aber diese „Lieblinge der Medien“ arbeiten mit gezielter Medien(-manipulations-)strategie und berücksichtigen selbstredend die oben genannten fünf Regeln: Bei diesen „Lieblingen“ akzeptieren Medien also durchaus Autorisierungswünsche. Im Extremfall legen sie ihnen sogar Texte zur Genehmigung vor, in denen andere (!) Autoren es wagen, einen dieser „Lieblinge“ zu hinterfragen (Zwei Beispiele dazu folgen bei Gelegenheit aus eigener Erfahrung). Für uns Normalsterbliche gilt also: Warum sollen wir einem nicht-autorisierenden Journalisten unsere kostbare Zeit für ein Interview opfern, aus dem dieser irgendetwas mitschreibt und aus dieser Mitschrift irgendeinen Text macht, im Extremfall sogar mit einem „direkten“ Zitat, das uns als alternativer Fakt ein Leben lang begleitet?

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P.S. Der Autor dieses Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ hat – und auf diese Feststellung legt er wert – überwiegend gute Erfahrungen mit Journalisten gemacht und unterscheidet sich damit offenbar von Douglas Adams. In seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ findet man klare Worte zu Journalisten: Denn auf die Frage an einen Journalisten, ob er gewohnt sei, der Wahrheit ins Auge zu sehen, antwortet dieser mit einem klaren „nein” und zieht verwirrt die Stirn kraus.

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