Koalitionsvertrag als Zuckerwatte

1. Dezember 2013

Jetzt haben wir ihn: den Koalitionsvertrag. Irgendwie finden ihn alle gut. Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ legt ihn auf die Goldwaage. Das Ergebnis: eigentlich nicht viel mehr als gesponnener Zucker.

Auf der Reise durch die unendlichen Weiten fremder Galaxien ist bereits unser Mond ein aufschlussreiches Untersuchungsobjekt, an dem auch jemand, der als Anhalter durch den Weltraum unterwegs ist, einmal bei jedem Besuch auf eine Tasse Tee anhalten sollte. Denn im Sonnenschein beträgt die astronomisch exakt gemessene Temperatur 171,3 °C, im Dunklen dagegen -128,6 °C: zwei Welten, zwei Temperaturgefühle, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten.

Bei demjenigen, der bei -128,6 °C im Schatten friert, kommt deshalb zwangsläufig ein Hochgefühl auf, wenn ihm jemand zum Aufwärmen ein prächtiges Exemplar Zuckerwatte reicht: Denn das spendet ganz viele Kalorien, ganz viel Wärme und vermittelt den Eindruck von ganz viel Zufriedenheit.

Für diejenigen, die auf der kalten Seite hinter dem Mond leben: „Zuckerwatte ist ein fein versponnenes Produkt, das (1) volumenmäßig nach mehr aussieht als es ist, das (2) aus Zucker oder aus einem anderen klebrigen Material besteht und das (3) Kinder auf großen Weihnachtsmärkten oder (4) sogenannte Bürger nach großen Koalitionsverträgen (5) von oben nach unten gereicht bekommen, das aber (6) in jedem Fall extrem ungesund ist, aber (7) alle kurzfristig glücklich macht.“

In Berlin gibt es einen Koalitionsvertrag. Dieser Reiseführer durch die Arbeitswelt hat bereits im Vorfeld intensiv über seine traurige Entstehung geschrieben und mit dem Mindestlohn auch ein exemplarisches Detail behandelt. Jetzt liegt das Ergebnis vor und es fällt nur ein Wort ein: „Zuckerwatte“.

Im Prinzip ist die Logik klar: Die SPD-Mitglieder bekommen einige Zuckerfäden wie den (nur scheinbar gut gelösten) Mindestlohn sowie die doppelte (und damit vermeintlich die SPD-Basis verdoppelnde) Staatsbürgerschaft, die CSU-Mitglieder eine (vage) Aussicht auf eine PKW-Maut gegen Ausländer, die CDU behält das Amt des Bundeskanzlers und eine große Truppe von Politikern wird in den gut dotierten Ministerstand gehoben – darunter auch die sangesfreudige Andrea Nahles. Ansonsten gibt es noch einige kleinere Zuckerstückchen für Mütter und für Rentner sowie einige große Zuckerbrocken für Unternehmen, die viel Energie verbrauchen und deshalb dafür wenig zahlen wollen.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ fragt: „Wo bleiben Lösungen für die Themen Bildung, Energie, Gesundheit und Pflege, Staatsfinanzen, Europa, Generationengerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Ökologie, Datenschutz, Netzneutralität und vor allem für die Arbeitswelt?“

Zu allen diesen Themen nur und ausschließlich nichtssagende klebrig süße Zuckerwatte: Es werden zwar rund 30 Milliarden Euro verteilt (darunter wieder etwas Geld für die absurd-groteske „Exzellenzinitiative“ an Hochschulen), aber das Ganze wirkt wie ein Weihnachten, bei dem die Eltern keine Zeit gefunden haben, über Geschenke nachzudenken, und deshalb den Kindern Geldscheine unter den Weihnachtsbaum legen. (Oder besser ausgedrückt: Die Große Koalition in ihrer Elternrolle verschenkt schön gedruckte Schuldscheine, die dann durch eben diese Kinder sehr bald einzulösen sind.)

Der Fairness halber sei erwähnt, dass Leiharbeit und Werkverträge angesprochen werden. Nur was will man von solchen Ankündigungen halten, wie man sie im Koalitionsvertrag lesen kann „Rechtswidrige Vertragskonstruktionen bei Werkverträgen zulasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern müssen verhindert werden“? Braucht man dazu einen Koalitionsvertrag? Hätte man das nicht schon früher machen müssen? Irgendwie erinnert das an Ursula von der Leyen, die von der Leiharbeit bei Amazon überrascht war. Oder an Daimler mit seinen Werkverträgen.

Nein: Wenn man diesen Koalitionsvertrag auf die Waage legen würde, wird er wie Zuckerwatte ganz schnell als zu leicht befunden. Aber angesichts der vielen Zuckerwatte interessiert das niemanden: Die Politiker sind glücklich, die Journalisten bis hin zu Giovanni di Lorenzo plaudern freundlich-unkritisch in Vorweihnachtsstimmung und nur Marietta Slomka traut sich einmal, den wie ein Honigkuchenpferd strahlenden Sigmar Gabriel eine kritische Frage zu stellen – was sie leider auch nie wieder tun wird.

Wie auf dem oben bereits beschriebenen Mond mit seinen Temperaturunterschieden gibt es auch in Deutschland nicht nur Gehaltsunterschiede, sondern insgesamt auch eine wirklich kalte Welt. Zeitgleich mit dem Koalitionsvertrag erschien ein lesenswerter Bericht mit der harmlosen Überschrift „Datenreport 2013“. In ihm wird drastisch beschrieben, dass in Deutschland Armut und Ungleichheit steigen. Die Einkommensschere weitet sich – wobei man nicht einmal mehr Martin Winterkorn mit seinen monatlichen Millioneneinkommen erwähnen muss. Es arbeiten zwar immer mehr Menschen, aber immer häufiger mit geringer sozialer Absicherung und mit geringerem Einkommen. Im europäischen Vergleich steigen die Löhne in Deutschland beängstigend langsam. Doch das alles interessiert keinen. Denn wir haben ja unsere Zuckerwatte.

Im Endergebnis gibt es ein klares Ergebnis, das der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ neutral und sachlich feststellt: „Auf der Siegerseite finden wir gemütlich in Talkshows und auf Berliner Partys die inzwischen hinlänglich bekannten Politiker, Promis, Top-Manager und Journalisten. Sie alle finden die Welt und sich selber so richtig schön. Auf der Verliererseite sitzen ganz viele andere.“

Zum Abschluss eine wegweisende Analogie für fleißige Kinobesucher: In Wirklichkeit befinden wir uns in Teil 1 des Filmes („Die Tribute von Panem“). Hier lenken die „Hunger Games“ wie der Koalitionsvertrag von den eigentlichen Problemen ab und machen die Mehrzahl der Menschen zwischenzeitlich „glücklich“. Allerdings spielt Angela Merkel eine andere Rolle als Jennifer Lawrence. Teil 2 dieser Trilogie kam am 22. November 2013 in die Kinos. Nur der Teil 2 des imaginären Filmes zum Koalitionsvertrag ist noch nicht geschrieben – obwohl hier das Mitgliedervotum der SPD eigentlich ein potenzieller Start wäre.

P.S.: Bei Douglas Adams in seinem genialen Meisterwerk „Per Anhalter durch die Galaxis“ kommt Zucker nicht in Zuckerwatte: „Was machst Du mit der Badewanne? Du füllst sie mit feinem, weißem Sand? Oder mit Zucker. Mit feinem, weißem Sand oder mit Zucker. Egal. Macht überhaupt nichts. Zucker ist fabelhaft. Und wenn sie voll ist, dann ziehst du den Stöpsel raus.“

Print Friendly, PDF & Email

No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.