Karawanenkapitalisten und Oasenbetreiber

18. Januar 2008

Nach Siemens minus BenQ, Daimler minus Chrysler jetzt Nokia minus Bochum – und viele andere Fälle. Obwohl eigentlich alles gesagt ist, gibt es ein neues Wort: Den Karawanenkapitalisten, aktuell verwendet vom Finanzminister Peer Steinbrück. Dieses Wort ist so schön und in seiner Konsequenz so grotesk, dass es hiermit sofort in den Reiseführer “Per Anhalter durch die Arbeitswelt” aufgenommen (und damit diskutiert) wird.

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Die Fakten sind bekannt. Nokia stellt die Handy-Produktion in Bochum ein, verschiedene Personen – darunter auch unser Finanzminister und viele Kommentatoren – meldeten sich überwiegend entrüstet zu Wort.

Der Reiseführer “Per Anhalter durch die Arbeitswelt” definiert hiermit: “Unter Karawanenkapitalismus versteht man (1) die Logik, wonach man immer dort produziert, wo die Produktion insgesamt am billigsten ist, was (2) dazu führt, das man <etwas> teurere Standorte schließt und weiterzieht. Dieser Effekt wird (3) von Finanzministern wegen der Steuerausfälle gerne gegeißelt, aber umgekehrt (4) von Wirtschaftsministern als Oasenbetreiber gerne geschaffen.”

Und genau dieser letzte Punkt (4) ist der wirklich interessante. Denn was hier in der aktuellen Diskussion gerne übersehen wird: Rumänien macht mit seinen kolportierten 30 Millionen Euro genau das gleiche, was Deutschland vor einiger Zeit mit seinen rund 40 Millionen Subventionen gemacht hat. Man lockt Unternehmen mit Subventionen und hofft auf dauerhafte Arbeitsplätze – wie wir sehen, eine trügerische Hoffnung. Gleichzeitig natürlich ärgerlich, wenn man darüber nachzudenken beginnt, ob die rumänischen Subventionen nicht irgendwie indirekt aus Brüssel stammen.

Das ist sicherlich ein Problem. Das wirkliche Problem besteht aber darin, dass man sich auf der einen Seite über die weiter ziehende Karawane beschwert, auf der anderen Seite aber Karawanen durch Anreize anlockt, also quasi Oasen für Karawanen baut.

Konsequenz für die Politik: Nicht über das Weiterziehen jammern, vor allem aber vorher nicht versuchen, Karawanen durch Subventionsoasen anzulocken. Und erst recht nicht (nur) dann „nachverhandeln”, wenn mit Abzug gedroht oder dieser vollzogen wird.

Konsequenz für uns alle?: Natürlich kann man sein Nokia-Handy abschalten. Man hätte auch wegen BenQ seinen Siemens-Kühlschrank verkaufen und wegen Chrysler seinen Daimler abmelden können. Was aber am wichtigsten ist: Nicht nur den schwarzen Mitarbeiterabbauplaneten meiden, sondern auch bei von Politikern angelockten Karawanenkapitalisten aufpassen – die können rasch weiterziehen.

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P.S.: Weder Karawanen noch Oasen werden im Original „Per Anhalter durch die Galaxis” erwähnt – und Subventionen schon gar nicht. Daher soll ein mehr oder weniger passendes Zitat aus dem Originalanhalter hier den Abschluss bilden: »Neinnein, um Gottes willen, nein«, rief der Alte aus, »die Galaxis ist noch lange nicht wieder reich genug, um sich uns leisten zu können.«

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