Was ist Führung? Das JLö-Prinzip von Joachim Löw

7. Juli 2008

2006 stand ein blonder Jürgen Klinsmann im schwarzen oder hellblauen Hemd am Spielfeldrand der Weltmeisterschaft. 2008 war dies ein dunkelhaariger Joachim Löw, über dessen maßgeschneidertes weißes Hemd nach der EM fast mehr geschrieben wurde als über seine Vize-Europameisterschaft. Doch der Reiseführer durch die Arbeitswelt befasst sich nicht mit taillierten Hemden. Bei ihm geht es um den Führungsstil der beiden Bundestrainer, ein Thema, das viel spannender ist!

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Nun ist sie vorbei, die Fußball-EM, auf die wir uns so lange gefreut haben und deren Ergebnis fast schon traditionell vor dem Brandenburger Tor gefeiert wird. Damit wird es Zeit für den Reiseführer durch die Arbeitswelt, den Führungsstil des gegenwärtigen Bundestrainers einmal unter die Lupe zu nehmen.

Sicher, auf den ersten Blick mag einiges ähnlich wirken zwischen Löw und Klinsmann. Deshalb hat der Berichterstatter auch gezögert, sich dieses Themas anzunehmen. Aber mit etwas Abstand zur Europameisterschaft, im Restaurant am Ende des Universums bei einem doppelten Espresso und einem Schoko-Muffin sitzend und auf die seltsam geformte Zuckerdose – mit vielen kleinen Bildern von kleinen Bildern aus dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest – auf der Mitte des Tisches, starrend, nun doch der erste Eintrag in den Reiseführer:

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” definiert: Führungsstil ist (a) ein Grundmuster, mit dem sich eine Führungskraft bewusst oder unbewusst gegenüber Mitarbeitern verhält, (b) etwas, was auf den ersten Blick doch immer irgendwie gleich aussieht, (c) dessen Qualität immer über den Erfolg des Teams definiert wird und der (d) irgendwie zwischen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw anzusiedeln ist.

Wichtig ist der Punkt (c), wonach ein Führungsstil immer durch den Erfolg des Teams bewertet wird. Das ist zwar nicht zulässig, denn eine Führungskraft kann einfach nur Glück oder Pech haben. Trotzdem: Streng genommen ist der Führungsstil von Jochim Löw (JLö) besser als der von Jürgen Klinsmann weil JLö immerhin einen Platz besser abschnitt als Klinsmann. Allerdings ging es im Fall Klinsmann um die Weltmeisterschaft, im Fall Löw um die Europameisterschaft.

Emotion! Klinsmann lebte Emotionen für alle sichtbar vor, ohne viel über Emotionen zu sprechen. JLö fordert und verlangt sachlich-nüchtern „mehr Emotionen”.

Feindbeobachtung! Klinsmann entschied sich öfters gegen Empfehlungen von Chefscout Siegenthaler, weil er – wie früher Beckenbauer – erwartete, dass sich der Gegner an ihm auszurichten hat. Bei JLö bekam Siegenthaler wieder volles Gehör, weil bei JLö das Spiel zunächst eher auf ein Neutralisieren des Gegners hinauslief.

Kritik! Klinsmann ging (zumindest nach außen hin) relativ locker mit Kritik um. JLö reagierte mit Rausschmiss aus dem Kompetenzteam, als der Hockey-Weltmeistertrainer Bernhard Peters Zweifel an der Physis einzelner Spieler artikulierte.

Spaß! Klinsmann suchte den Spaß in der Leistung; das Spiel war wichtig. JLö suchte den Spaß im Ergebnis; damit wird zwar nur vier Mal auf das Tor geschossen, aber gewonnen.

Verantwortung! Klinsmann betonte regelmäßig die Eigenverantwortung von Spielern als „erwachsene Menschen”. Bei JLö ging es mehr um ein Regelwerk der Fremdverantwortung, das – laut dem Sportmagazin Kicker – dem eines Lehrers auf der Klassenfahrt entsprach.

Wettbewerb! Klinsmann verkündete klar den Wettbewerb zwischen Kahn und Lehmann sowie das daraus resultierende Ergebnis. Bei JLö erfuhr Hildebrand erst richtig von einem Wettbewerb um den Platz „hinter Lehmann”, nachdem er den Wettbewerb verloren hatte.

Zukunftsbilder! Klinsmann arbeitete ausschließlich mit positiven Bildern („wie wird sich der Sieg anfühlen”). JLö malte auch negative Zukunftsbilder, beispielsweise das Gefühl bei einer möglichen Niederlage gegen Österreich.

… setzt man diese obigen Aussagen zusammen, erhält man links das bekannte „Prinzip Jürgen Klinsmann”, rechts das „Prinzip JLö”. Damit findet sich folgender Eintrag in den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt”: „Das Prinzip JLö ist (a) definiert als die Umkehrung des Prinzips Jürgen Klinsmann und (b) überaus erfolgreich.”

Denn Klinsmann verkörperte als charismatischer Chef mit natürlicher Autorität das, was man „modernen Führungsstil” nennen könnte. JLö spielt etwas mehr die Rolle des vom DFB eingesetzten „Vorgesetzten”. Wäre JLö in der Vorrunde gescheitert, hätte man alles ganz einfach und ganz schnell seinem Führungsstil zugerechnet. Doch jetzt ist er Vize-Europameister und große Fragezeichen zeichnen sich am Rand des unendlichen Universums ab. Und plötzlich kann auch die – mit vielen kleinen Bildern von kleinen Bildern aus dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest geschmückte – seltsam geformte Zuckerdose auf der Mitte des Tisches keine Antwort mehr geben.

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P.S.: Auch der Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis”, der ja bekanntlich von Douglas Adams verfasst und damit zum Vorläufer des hier vorgelegten Reiseführers wurde, beschäftigt sich mit Führung. Schaut man allerdings – wie Arthur Dent fatalerweise erfahren musste – unter FÜHRUNG nach, findet man den Eintrag, „Siehe unter RAT”. Sieht man dann unter Rat nach, so heißt es dort „Siehe unter FÜHRUNG”.

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