Frauenförderung durch Pirelli-Kalender

30. Dezember 2010

Eigentlich wollte der Autor des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ konsequent das Thema „Frauen“ meiden. Doch seit er jeden Tag von seinem universitären Schreibtisch auf einen Kalender mit schönen Frauen schaut, sieht er es als seine zähneknirschende Pflicht an, seiner objektiven Berichterstatterpflicht nachzukommen.

Bild zu: Frauenförderung durch Pirelli-Kalender

Ein Reiseführer durch die Arbeitswelt muss über die Arbeitswelt berichten und dazu gehört auch das Thema „Frauen“. Daher gibt es diesmal ein etwas schwierigeres Thema, das nahtlos an ein schwieriges („Schlafzimmer“), ein noch schwierigeres („Frauenquote“) und ein ganz schwieriges („Wintermärchen“) anknüpft. Dieser heutige Eintrag zum Thema „Frauenförderung“ erfolgt, wenngleich dieses Thema bei Alice Schwarzer und beim Duo Renate Künast & Thomas Sattelberger (jeweils mit mindestens einem durchaus interessanten Auftritt im Jahr 2010) gut aufgehoben ist.

Doch der Reihe nach: Eigentlich sollten Hochschulen ein Ort sein, an dem es zu keiner Diskriminierung kommt und Frauen wie Männer bei gleichen Pflichten auch gleiche Rechte haben. Vor diesem Hintergrund überrascht es, wenn man sich im Flur einer der berühmtesten Universitäten in Deutschland wiederfindet und vor einer imposanten Fotogalerie mit Hochglanzbildern der Professorinnen dieser Universität steht.

Diese Frauen gilt es offenbar – jenseits aller Chancengleichheit und jenseits aller Gleichberechtigung – hervorzuheben und diese Frauen gilt es zu fördern. Doch bald wurden diese Fotos ersetzt durch Fotos von jüngeren Nachwuchswissenschaftlerinnen. Auch sie gilt es hervorzustellen, unabhängig davon, dass es vielleicht auch gute Nachwuchswissenschaftler gibt. Es geht also nicht um gut oder schlecht, sondern um Mann oder Frau.

Jetzt kann man sicherlich darüber diskutieren, ob die Reduktion auf „schönes Bild“ wirklich das Angemessene für Frauen im Hochschulbetrieb ist und ob nicht gerade diese Art von Fotos etwas ist, wogegen sich die Alice Schwarzer von früher lautstark und mit durchaus guten Argumenten gewehrt hätte.

Doch es geht noch weiter. Stufe drei dieser universitären Frauenförderung durch Bilder ist aktuell ein großformatiger Kalender mit den hübschen Fotos der hübschen Nachwuchswissenschaftlerinnen. Also: Neben dem Pirelli-Kalender gibt es jetzt einen weiteren Frauenkalender – was nur begrenzt etwas zu tun hat mit durchaus wichtigen Aufgaben wie einer gender-sensiblen Informationskultur, einer Diversity und einer konzeptionellen Bewusstseinsbildung.

Aber vielleicht brauchen wir als erstes einmal eine kleine Definition: „Ein Frauenkalender ist eine (1) mit Datumsfunktion verbundene (2) Darstellung von Frauen in einer Form, die (3) durchaus Männern gefallen kann und in der (4) Frauen extrem auf ihre Äußerlichkeiten reduziert, also (5) ihre Leistungen sowie ihre (6) Fähigkeiten konsequent ausgeblendet werden.“

Professoren sollten aber über diese Benachteiligung durch Nicht-Erstellung von Fotos und Nicht-Aufnahme in diesen Kalender nicht vorschnell traurig sein!

Zum einen ist – um es einmal ganz chauvinistisch auszudrücken – ein Kalender mit Frauen zumindest für den männlichen Betrachter im Regelfall ästhetischer als ein Kalender mit Männern. Aus diesem Grund zeigt der Pirelli-Kalender schließlich auch Frauen und zwar nur Frauen.

Zum anderen gibt es neben der Bildergalerie im oben erwähnten Flur der berühmten Universität eine Vitrine mit Büchern als Hinweise auf wissenschaftliche Exzellenz. Diese Glasvitrine präsentiert überwiegend Leistungen der Männer – streng nach der Devise „Lieber ein gutes Buch als ein gutes Foto“. Oder anders formuliert: „Von Frauen macht man Fotos, Männer dagegen schreiben Bücher.“

Bevor aber jetzt der bekannte Herausgeber eines bekannten Personalmagazins wieder aufgeregt einen Kommentar gegen diese beiden (deskriptiven) Sätze und gegen die angebliche Frauenfeindlichkeit dieses Reiseführers schreibt: Die Entscheidung, in absoluter Ungleichbehandlung nur von Frauen derartige Fotos zu machen, stammt ebensowenig vom Autor dieses Reiseberichtes wie die Entscheidung über die auszustellenden Bücher. Oder anders formuliert: Das eine ist genauso eine unzulässige Diskriminierung wie das andere!

Denn es gibt sicherlich den einen oder anderen Wissenschaftler (oder Personalvorstand), für den ein gutes Foto wichtig ist und der sehr viel Wert darauf legt, besonders vorteilhaft abgebildet zu werden. Und es gibt ohne Zweifel die eine oder andere Wissenschaftlerin, für die Leistung und Hinweise auf diese Leistungen (also auch auf Bücher) bedeutsam erscheinen.

Vor diesem Hintergrund schließt der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ mit einem fundamental-trivialen Tipp für alle: Diversity entsteht nicht durch Diskriminierung von Mehrheiten, sondern durch Chancengleichheit für alle!

Bild zu: Frauenförderung durch Pirelli-Kalender

P.S.: Douglas Adams schreibt in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ natürlich nichts über Frauenförderung, nichts über Diskriminierung von Männern und erst recht nichts über Diskriminierung von über Diskriminierung schreibenden Männern. Er liefert viel Fundierteres, wenn man den Satz „der Mann fing an, einen Kalender statt eines Fahrplans zu studieren“ findet. Spätestens jetzt fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Wir brauchen keinen Fahrplan zur Frauenförderung. Wir haben ja einen Frauenkalender. Wäre das nicht etwas für die Deutsche Telekom: statt ihrer „Verordneten Frauenquote“ (die natürlich laut dem Reiseführer durch die Arbeitswelt keine Frauenförderung darstellt) ein Telekom-Frauenkalender? Als Konkurrenz zu Pirelli?

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