Zur Fatalität von flutartigen Absagen

29. September 2006

Wenn ein Unternehmen tausende Bewerbungen einsammelt, um insgesamt vier Personen einzustellen, dann mag der Personaler jubeln, für die Bewerber sieht der ganze Vorgang aber etwas anders aus. Was aus Sicht der Bewerber (vielleicht fälschlicherweise) fatal ist, macht manchen Personaler (vielleicht fälschlicherweise) glücklich und stolz.

Bei der Fahrt durch die Arbeitswelt stößt man immer wieder auf Firmen, die wie schwarze Löcher Energie aufsaugen, und zwar Energie in Form von Bewerbungen. Deshalb richtet sich der Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis diesmal zusätzlich auch an die Personaler, die als Hüter dieser schwarzen Löcher fungieren.

Zunächst, wie sieht so ein Fall konkret aus? (Übrigens, das heutige Bild stammt aus einem Berliner Hotel: Ein Wasserzylinder, rund 28 Meter hoch, 1 Million Liter Wasser und 1000 Fische.)

Ein Personaler bekommt – unterstützt durch seinen tüchtigen Berater 1000 Bewerbungen von Hochschulabsolventen und ist stolz auf seine Akquisitionsleistung. Dann reduziert er die Zahl der Bewerbungen – wieder unterstützt durch seinen tüchtigen Berater – um 99,96% und ist stolz auf seine Selektionsleistung. Dazu setzt er zunächst auf formale Kriterien, wie Mindestnote, Maximalsemesterzahl und die (aus Sicht des Recruiters) „richtige“ Hochschule. Dann kommen psychologische Verfahren und viele subjektive Einschätzungen. Am Schluss steht das Assessment Center, wo ein ganz spezieller Typ von „High-Potenial“ gewinnt.

Gerade einige Großkonzerne arbeiten mit der Strategie: Erst viele anlocken und dann genüsslich auswählen.

Der Reiseführer Per Anhalter durch die Arbeitswelt gibt zu denken: Wenn das Unternehmen wie das besagte schwarze Loch Bewerbungen anzieht, nur um dann fast alle wieder abzustoßen, wird eine Wolke von negativer Energie generiert. Denn – auch wenn manche Personaler das nicht glauben – Absagen hinterlassen Narben. Bewerber haben auch ein Gedächtnis. Und irgendwann werden Unternehmen händeringend wieder wirklich viele Mitarbeiter einstellen müssen.

Gewinner ist dann wieder oben besagter Bewerber, denn jetzt wird es natürlich gerade für dieses Unternehmen schwer und teuer, Leute einzustellen.
Damit stellen sich zwei Fragen: Was ist den Personalabteilungen zu raten? Was den Bewerbern?

Der Reiseführer Per Anhalter durch die Arbeitswelt rät Jobsuchenden, sich grundsätzlich nie auf „Schwarze-Loch-Anzeigen“ zu bewerben, egal ob diese in Print, im Internet oder auf einer Messe auftauchen. Wenn ein Unternehmen nicht bereit ist, konkret zu werden und statt klarer Kriterien die obligaten Lockvogelsätze liefert, dann ist alles andere Glücksspiel, verschwendete Zeit und Potenzial zu tiefem Frust. Und vielleicht geht es in diesem Unternehmen dann so weiter. Pro Karriere-Chance 2000 Bewerber. Und dann ein intransparentes Verfahren. Also: Finger weg davon.

Für Bewerber ist die Sache noch relativ einfach. Für das Unternehmen eigentlich auch, würde man sich an einen Grundgedanken des Marketings halten, der besagt, dass man nicht mehr Kunden anlocken soll, als man bedienen kann.

Deshalb ist das Kriterium für eine „gute Personalanzeige“ nicht etwa „viele Bewerbungen“. Sondern es muss darum gehen, nur wenige Kandidaten zu bekommen, unter denen dann die richtigen sind. Das ist professionelle Personalarbeit und das hätte übrigens ganz andere Verträge mit den Personalberatern und -dienstleistungen bei der Personalbeschaffung zur Folge.

Der Reiseführer Per Anhalter durch die Arbeitswelt rät Recruitern, die Jobs in der Anzeige nicht rosig, sondern realistisch darzustellen. Das klingt simpel, bedeutet aber für manche Unternehmen einen kompletten Kurswechsel.

Der Anhalter durch die Arbeitswelt fragt: Welche Bewerber haben Erfahrungen mit „Schwarzen-Löcher-Anzeigen“? Und: Welche Unternehmen haben wirklich bewusst realistische Anzeigen, um den Bewerbungsprozess im Interesse aller zu optimieren?

Übrigens: Durch die Arbeitswelt rast ein kosmischer Sturm mit dem Namen AGG. Der Anhalter wird sich noch gezielt damit beschäftigen. Nur soviel vorab: Absagen im Recruiting-Prozess können den Unternehmen sehr (!) teuer kommen.

Bild zu: Zur Fatalität von flutartigen  Absagen

P.S.: Interessant hier, was Douglas Adams schon in seinem ursprünglichen Buch „Anhalter durch die Galaxis“ über einen Planeten geschrieben hat, der sich „mit anderen Dingen“ als mit externen Kunden beschäftigt und folgende Bandansage liefert: „Seid mir gegrüßt. Die Handelskammer von Magrathea dankt für ihren Besuch bedauert jedoch, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der gesamte Planet seine Geschäfte eingestellt hat“. ((Ob der dortige Personalchef auch gerade Extensiv-Bewerberselektion praktiziert?))

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