Filmkritik: Warum „Augenhöhe“ viele Fragen aufwirft und wenige Antworten gibt

15. März 2016

Mitarbeiter in Entscheidungen zu integrieren ist wichtig und aktuell in der deutschen Beraterszene euphorisch unter dem Schlagwort „Augenhöhe“ thematisiert. Der Film AUGENHÖHEwege, neuester Baustein in diesem Gesamtkonzept, hatte jetzt Premiere: Grund genug, einmal vorsichtig hinter Film und Konzept zu schauen.

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Auf der Suche nach tiefgreifenden Erkenntnissen über unsere Arbeitswelt wandert der Autor des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ in Berlin über den Potsdamer Platz zum Sony-Center. Dort, wo sich nebenan vor Kurzem noch die Schickeria der Berlinale auf dem roten Teppich feiern ließ, feiert ein Film über die Arbeitswelt Premiere. Auffallend ist der zumindest den Autor dieses Reiseführers abschreckende Ticketpreis von 59 Euro, für den es aber laut Ankündigung zusätzlich ein Glas Sekt, Popcorn und ein Treffen mit den eingeladenen Stars der Augenhöhe-Szene gibt.

Das Auflösen von Hierarchien ist ein wichtiger Bestandteil einer richtig verstandenen und lebens- sowie liebenswerten Arbeitswelt.

Die große Frage aber ist, wie sich unsere Arbeitswelt aus starren Silos in fluide Agilität transformiert und wie sie – getrieben von Digitalisierung und Industrie 4.0 – endlich virtuelle Organisationsformen mit eingebauter Dynamik nutzt. Utopische anmutende Konzepte dieser Virtualität, wie sie vor 20 Jahren in der Forschung vorgedacht wurden, sind inzwischen machbar und salonfähig geworden.

Doch nun zum Film: Weil er dem gleichartigen Film „Augenhöhe“ folgt, heißt dieser zweite Teil „AUGENHÖHEwege“, und weil den Filmemachern ihr Film so gut gefällt, wurde das Filmmaterial auf zwei Filme („weiß“ und „orange“) aufgeteilt. Da sich auch dieser Film über Crowdfunding finanziert hatte, gibt es ihn wie versprochen auch im Internet und so kann sich jeder ein Bild von diesen nun insgesamt drei Filmen machen. Und dann merkt man rasch:

Augenhöhe bedeutet, (1) aus einer hierarchisch-höheren Position temporär auf Hierarchie zu verzichten und/oder (2) aus einer hierarchisch-niedrigeren Position temporär auf die gleiche Ebene wie die tatsächlichen Entscheider gehoben zu werden.

Im Prinzip ist das wie bei Verhandlungen, bei denen der kleinere und schwächere Partner auf „Augenhöhe“ besteht, die der größere und stärkere Partner gnädig gewährt – solange es ihm gefällt.

Echte Augenhöhe-Dramaturgie verlangt nach einer „augenhöhe-gewährenden“ Person und vielen „augenhöhe-bekommenden“ Personen.

„Augenhöhe-gewährend“ ist dabei meist eine charismatische Gründerperson, die eine clevere Geschäftsidee und/oder ausreichend Geld hat. „Augenhöhe-bekommend“ sind – und das zeigt der Film tatsächlich in beeindruckender Form – Personen, die mit leuchtenden Augen ihre bisher unterdrückten Kreativitätspotenziale freigesetzt bekommen. Sicherlich sieht man viel Stuhlkreisromantik und Moderationstechnik. Das aber ist nicht alles. Hier werden tatsächlich Menschen motiviert.

Nur, bei aller Begeisterung: Auch wenn man im Film immer wieder Menschen hört, die ihre berauschende und erfolgreiche Realität in immer wiederkehrend- identischer Rhetorik durch das Prinzip Augenhöhe erklären, fehlt bei genauem Hinhören ein wichtiger Punkt.

Der Film „Augenhöhe“ übergeht eine ganz zentrale Frage: Was ist der wirkliche Grund für den Erfolg der gezeigten Fälle?

Auf diese Frage gibt es viele mögliche Antworten: Ist es die Geschäftsidee, die einfach trägt – egal mit welcher Organisationsform? Ist es das unbestreitbare Charisma der sich selbstsicher zurücknehmenden Führungsperson? Oder sind es spezielle Kombinationen wie die aus Generation X als Vordenker und mehreren „augenhöhe-bekommenden“ Vertretern der Generation Y, die hier den Ausstieg aus dem Hamsterrad suchen? Vielleicht ist es aber auch wieder der seit fast 100 Jahren bekannte Hawthorne-Effekt? (Dort hatte man die Beleuchtung verbessert und die Menschen wurden produktiver. Dann hat man sie wieder zurückgedreht und die Menschen wurden ebenfalls produktiver. Denn es lag nicht am Licht, sondern daran, dass die Menschen nach ihrer Meinung gefragt wurden.) Oder geben wie im Film „Die Welle“ vor allem wirksame Artefakte und prägende Rituale den Ausschlag?

„Augenhöhe“ ist ein sichtbares Artefakt für „Menschen ernst nehmen“. Könnte man „Augenhöhe“ auch durch „Tragen von grünkarierten Hemden“ ersetzen?

Auch wenn die beiden zweiten Teile gegenüber dem gerade für die Beraterszene hoch erfolgreichen ersten Teil des Films (in einem Jahr rund 300 Veranstaltungen!) etwas abfallen, ist vieles an AUGENHÖHEwege wirklich gut: „Weiß“ und „Orange“ wirken – obwohl oder weil kameratechnisch „glatter“ – weitgehend wie professionelle Dokumentarfilme, die in Ausschnitten durchaus auf Phoenix laufen könnten. Auch wurde diesmal auf Pathos der Vor-Babyboomer-Generation verzichtet, die während ihrer aktiven Zeit konsequent auf hierarchischen Feudalismus gesetzt hat und jetzt im Ruhestand hierarchiefreie Demokratisierung verordnet. Dann gefällt die wunderbare authentisch-missionarische Diktion der Augenhöhe-Aktivisten, die von ihrer Sache so herrlich überzeugt sind – und ganz sicher auch nicht durch diesen Eintrag in den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ ins Grübeln kommen werden.

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PS Douglas Adams bringt in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ ein schönes Beispiel für Augenhöhe, wenn Arthur Dent vor dem gelben Bulldozer im Matsch liegt und erfährt, dass dieser sein Haus noch vor Ende des Tages aus dem Wege räumen wird. Doch dann kommen die tröstenden Worte des Baustellenleiters: „Hören Sie doch auf damit, Mr. Dent. Sie können ja nicht ewig hier vor dem Bulldozer rumliegen. Sie müssen den Tatsachen einfach ins Auge sehen“. Auch hier also schon „Augenhöhe“.

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