Wirtschaftskrise 2009: Ein Interview mit Charles Darwin

31. März 2009

Was würde Charles Darwin zur aktuellen Wirtschaftskrise sagen? Und was würde er uns raten? Obwohl der bekannte Wissenschaftler aus nahe liegenden Gründen seit Jahren nichts mehr geschrieben hat, lieferte er doch im australischen Darwin ein brisantes Exklusivinterview für den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ – mit durchaus diskutierbaren Antworten.

Bild zu: Wirtschaftskrise 2009: Ein Interview mit Charles Darwin

Mr. Darwin, Sie ausgerechnet hier zu treffen, freut mich und alle Leser des Ihnen erfreulicherweise gut bekannten Reiseführers durch die Arbeitswelt. Stichwort Australien: War das ein Auslöser für Sie, unter anderem über Leben und Arbeiten der Menschen nachzudenken?

Ich habe außer einem Kurzbesuch 1839 keine wirkliche Beziehung zu der Stadt mit dem Namen Darwin, in der wir uns hier befinden. Ich habe mich auch nicht unmittelbar mit der Arbeitswelt beschäftigt. Das ist aber nicht schlimm.

Denn meine Evolutionstheorie ist eine Theorie, die für alle Populationen und damit zwangsläufig auch für die Arbeitswelt gilt, also für die gesammelten Populationen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Arbeitsrechtlern, Arbeitspolitikern, Arbeitspsychologen und vielen mehr.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Evolution basiert auf Veränderungen und darauf, dass sich langfristig diejenigen Populationen und ihre Ideen als „Standard” durchsetzen, die sich am besten an neue Gegebenheiten anpassen. Die aktuelle Wirtschaftskrise ist eine derartige Veränderung. Und wir werden sehen, wer und was sich durchsetzen wird, damit also zu neuem Standard wird.

Nun hat der „Markt” mit seinen diversen Auswüchsen versagt und deshalb bekommen wir mehr staatliche Regulation. Das hat aber dann doch nichts mehr mit Evolution zu tun?

Völlig falsch. Der Markt hat überhaupt nicht versagt. Er hat Verhalten aufgedeckt, das offenbar in der praktizierten Form zu Krisen führt. Nur war es ein Fehler der Regierungen, derartig massiv einzugreifen: Denn auf diese Weise konnte vieles überleben, was normalerweise nicht überlebt hätte.

Sie hätten also nicht versucht die Hypo Real Estate zu retten?

Natürlich nicht – zumindest nicht als Staat. Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, Investoren und Managern zu helfen, die durch überzogene Renditeforderungen und abenteuerliche Geschäftsmodelle Unternehmen in den Ruin treiben. Die HRE hätte in die Insolvenz gehen müssen! Dann hätte man mit Steuergeldern immer noch die sozialpolitisch brisanten Risiken übernehmen und im Übrigen aus den Resten etwas Neues bauen können – und hier auch den betroffenen Mitarbeitern neue Perspektiven eröffnet.

Jetzt aber hilft man primär Investoren und kann nur mehr versuchen, über Notgesetze die schlimmsten Konsequenzen des Regierungshandelns abzumildern.

Und Schaeffler und alle anderen Fälle?

Auch hier hätte man überhaupt nie an Staatshilfen denken sollen, nur weil sich eine politisch gut vernetzte Milliardärin verspekuliert hat. Das Gleiche gilt für die Managementfehler der Allianz – und danach der Commerzbank – bei der Übernahme der Dresdner Bank. Das war alles betriebswirtschaftliche Stümperei, die der Steuerzahler jetzt finanziert.

Ist Ihr Plädoyer gegen Staatshilfen nicht brutal für die Arbeitnehmer?

Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil! Insolvenz bedeutet nicht automatisch den Verlust von Arbeitsplätzen. Es gibt neue Eigentümer und neue Besitzmodelle. Hier kann man an Beteiligung der Mitarbeiter denken und an vieles andere. Aber die aktuelle Lösung ist grotesk, die einzelnen Branchen mit guten Lobbyisten (wie Automobilindustrie) oder einzelnen Firmen (wie Commerzbank) helfen will, die sich selber in eine Schieflage gebracht haben.

Warum können Insolvenzen für Mitarbeiter sinnvoll sein?

Hätte man Firmen in die Insolvenz entlassen, dann hätte man sich auch von Investoren und einigen Managern trennen können. Das hätte Raum gemacht für neue Unternehmensmodelle. Also: Wenn Conti und Schaeffler wirklich so ein Traumpaar sind, dann werden sich Interessenten für weitere Investitionen finden. Wenn sie es nicht sind, dann ist es auch nicht schade. In beiden Fällen hätte allerdings Frau Schaeffler das Nachsehen – was aber zumindest in der Evolutionstheorie niemanden stört, sondern allenfalls das Entstehen eines neuen Musters von Eigentümern fördert.

So aber werden durch die unzähligen Staatshilfen hauptsächlich die Investitionen der Spekulanten sowie Einkünfte der Manager gesichert, Mitarbeiter aber trotzdem entlassen beziehungsweise als Steuerzahler zur Kasse gebeten. Gleichzeitig bleiben zunächst die alten Denkmodelle erhalten, nach denen Erfolg ausschließlich über die Rendite definiert wird, die ihrerseits vor allem durch Arbeitsplatzvernichtung geschaffen wird.

Wieso „zunächst”?

Gegenwärtig gilt bei Ihnen in Deutschland insgeheim als guter Topmanager, wer möglichst in einer Investment-Firma gearbeitet hat, in Geschäftsmodellen denkt, an Mergers&Acquisitions Spaß hat, alles auf Cash-Flow herunterrechnen kann, auf Outsourcing und Benchmarking schwört, Mitarbeiter als Fixkostenblock ansieht und die Arbeitswelt als ein großes Monopoly begreift, bei dem im Zweifelsfall der Staat durch Sonderzahlungen hilft, wenn man nur laut genug schreit.

Dieses Muster wird zwar jetzt durch die Staatshilfen auf der ganzen Welt noch etwas länger am Leben erhalten. Spätestens aber bei der nächsten wirklichen Krise wird es zur wirklichen Veränderung kommen. Denn das aktuelle Muster wird dann, da es für die gesellschaftliche Gesamtpopulation keine ausreichenden evolutionären Vorteile bietet, ausgelöscht. Und diese Krise wird angesichts der extremen Staatsverschuldung nach einem kurzen Aufschwung sehr bald und sehr heftig kommen. Da sollten Sie sich nichts vormachen lassen.

Wird erst gelernt, wenn es zu spät ist?

Nein, nicht zwingend. Ich spreche von notwendiger Variation, oder anders ausgedrückt: Viele neue Ideen müssen ausprobiert werden, um zu sehen, welche davon überlebensfähig sind.

Erste Anzeichen dafür, dass neue Denkmuster entstehen, sieht man zum Beispiel in den USA, wo Obama öffentlich die Geldgier von Managern anprangert und sogar diejenigen namentlich an den Pranger stellen will, die Staatshilfe und gleichzeitig exzessive Gehälter beziehen. Das wäre auch bei Ihnen in Deutschland eine interessante Liste, auf der nicht nur Banken stehen würden.

Aber es haben doch auch in Deutschland Vorstände freiwillig auf Ihre Bonuszahlungen verzichtet!

Richtig, und das zeigt, dass Bewegung im Spiel ist – auch wenn das wenige, was passiert ist, letztlich erst aufgrund öffentlichen Druckes zustande kam. Auch ist nicht in allen Fällen, wo Ihre Vorstände jetzt weniger bekommen, ein Verzicht im Spiel, sondern sie haben 2007 lediglich im Größenwahn Bezugsgrößen festgelegt, die für 2008 zu weniger Geld geführt haben – ein Fehler, den viele Manager nicht noch einmal machen werden. Andere Vorstände waren da geschickter und haben sich auch 2008 finanziell weiter optimiert, obwohl es ihren Unternehmen nicht so gut ging.

Von einem wirklichen Umdenken sind Sie in Deutschland noch weit entfernt – aber Sie folgen bereits dem Grundmuster einer auf soziale Systeme übertragenen Evolution nach der Formel: Transparenz plus öffentlicher Druck führt zur Variation und dann zur Selektion.

Aber noch einmal: Es geht nicht nur um ausgewählte Bankvorstände. Es geht um diverse opportunistische Manager auf vielen Ebenen in vielen Branchen, die alle irgendwie von Hilfen aus Berlin profitieren. Ob Abwrackprämie, Konjunkturpaket oder verlängertes Kurzarbeitergeld: In allen diesen Fällen hilft der Staat und verhindert damit Anpassungsprozesse durch Selektion.

Solange Ihre Politiker mit ihrem trügerisch-bizarren Glauben an ihre unfehlbar-schöpferische Universalkraft weitermachen, haben wir nicht die Selektion zwischen „schlechten” und „guten” Managern (die es nämlich auch gibt). Wir haben eine Selektion zwischen „opportunistischen” (die gewinnen werden) und „eigentlich dummen” Managern (als Verlierern), die ohne Staatshilfen und Millionengehälter versuchen, gute Arbeit zu machen.

Was raten Sie Unternehmen, wie sie am besten aus der Krise herauskommen können?

Unternehmen sollten möglichst rasch über neue Verhaltensmuster nachdenken, also ebenfalls Variation schaffen. Das gesamte System der Personalarbeit gehört auf den Prüfstand, von Personalauswahl über Personalentwicklung bis zur Entlohnung. Auch brauchen Unternehmen weniger kreative Finanzierungsmodelle und Kostensenkung, sondern mehr wirkliche Wertschöpfung, wo es um Produktion und Innovation geht.

Überhaupt braucht man neue Visionen für die Arbeitswelt der Zukunft, die sich mit der aktuellen Wirklichkeit befassen. Dazu gehören sicher nicht die populistischen Sonntagsreden auf Kongressen, die schönfärbenden Bildergeschichten in der personalwirtschaftlichen Presse und ganz sicher nicht die Karrieremuster von so genannten High Potentials, die sich insgeheim an Lebenszielen wie „mehr Geld als Ackermann” und „größeres Schloss als Zumwinkel” orientieren. Auch wenn derartiges Denken in der aktuellen Krise noch einmal überlebt hat, langfristig wird es aussterben – wie die viel zitierten Dinosaurier.

Denn nach der Evolutionstheorie werden nicht die Stärksten überleben, sondern die, die sich durch Veränderung am besten und am schnellsten an die veränderte Umwelt angepasst haben. Genau das aber ist die große Chance für intelligente Unternehmen und Mitarbeiter.

Aber das können wir ja bei Gelegenheit einmal vertiefen. Ich muss mich jetzt wieder mit Flusskrebsen, mit Riesenschildkröten und mit fleischfressenden Pflanzen beschäftigen – womit wir eigentlich schon wieder beim Thema sind.

Mr. Darwin, danke für das Interview!

Print Friendly, PDF & Email

No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.