Don’t Panic: Buzzwords in Profilen schaden nicht!

26. Februar 2015

Da macht sich Panik breit: Jetzt hat man endlich gelernt, die richtigen Schlüsselworte in Bewerbungsunterlagen und Profilen zu verwenden – und jetzt soll alles das ganz und gar falsch sein? Nur weil das Analytiker von Linkedin sagen und viele andere das so weitersagen. Aber don’t panic: Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ gibt eine erstaunliche Empfehlung.

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Worum geht es eigentlich? Auf dem Tisch liegt eine Rangliste. So etwas kommt immer an: Platz 1 bis Platz 10, vermutlich geht die Liste weiter bis Platz 7.954. In eine Reihenfolge werden aber nicht etwa die beliebtesten Spielfilme gebracht, sondern Worte. Das Businessnetzwerk Linkedin hat 2014 untersucht, welche Schlagworte in den rund 300 Millionen Personen-Profilen am meisten vorkommen und hat folgende Hitliste aufgestellt: (1) motiviert, (2) kreativ, (3) Expertenwissen, (4) Leidenschaft, (5) strategisch, (6) verantwortungsvoll, (7) ehrgeizig, (8) analytisch, (9) spezialisiert, (10) Auslandserfahrung.

Übrigens wird in den Radio-Sketchen von Marc-Uwe Kling, die er Känguru-Chroniken nennt und die dementsprechend immer etwas mit einem Känguru zu tun haben, folgende Beschreibung für ein Bewerbungsgespräch mit einem Känguru verwendet: Das Känguru ist flexibel, belastbar, kreativ, innovativ, teamfähig, begeisterungsfähig und kreativ. Alles Wörter, die perfekt zu Linkedin passen.

Aber jetzt kommt die eigentliche Aussage: Diese Worte sind, gerade weil sie so häufig verwendet werden, so abgegriffen, dass sie nur noch als aussagelose Schlagworte wirken, und damit den Kandidaten beliebig sowie schlagwortlastig erscheinen lassen, Fantasielosigkeit signalisieren und damit letztlich zu vermeiden sind. Also: Finger weg von diesen Worten – und zwar bei Linkedin ebenso wie bei allen anderen Karrierewebseiten, Profilen und letztlich auch bei allen Bewerbungen.

Das behauptet inzwischen nicht nur der Analytiker von Linkedin. Auch andere Artikel greifen diese Empfehlungen auf („Finger weg von diesen Buzzwords!“), schlagen also vor, gerade die Worte zu meiden, die auf den oberen Plätzen stehen.

Dieser Aussage ist natürlich zu folgen, denn sie basiert schließlich auf einer empirischen Erkenntnis, nämlich einer Analyse von über 300 Millionen Datensätzen. Und so eine Datenbasis kann selbstredend nicht lügen.

Tut sie auch nicht. Nur der abzuleitende Schluss kommt nicht aus der Datenbasis.

Der Anhalter diagnostiziert: Nur aus purem Vorhandensein kann ohne zusätzliche Kriterien weder geschlossen werden, dass beobachtbares Verhalten zielführend ist, noch dass es nicht zielführend ist.

In diesem konkreten Fall gibt es durchaus gute Gründe, die dafür sprechen, sich tatsächlich weiterhin auf Buzzwords in seinen Profilen zu stützen:

#1: Der Gewohnheitsthese folgend ist man an die Existenz gewisser Schlagworte gewohnt und wird durch ihr Fehlen irritiert.

Ein guter Offensivspieler im Fußball sollte „torgefährlich“ sein, ein Defensivspieler „zweikampfstark“. (Beides wäre vielleicht vorgestern beim Spiel von Borussia Dortmund gegen Juventus Turin gut gewesen und könnte vielleicht das Abwandern von Jürgen Klopp verhindern).

#2: Es ist nicht auszuschließen, dass automatisierte Analysesysteme (Profilabgleich oder Big Data) gerade mit diesen Schlagworten arbeiten.

Da in Stellenanzeigen ebenfalls diese Worte vorkommen, dürften semantische Profilabgleichungsalgorithmen das Vorhandensein der „entsprechenden“ Worte positiv bewerten. Wenn also die Stellenanzeige einen motivierten und kreativen Menschen sucht, dann sollten diese Worte auch im Bewerbungsschreiben vorkommen. Und dass sich gerade Big Data auch auf solche Worte stürzt, liegt auf der Hand. Dementsprechend müssen die Buzzwords vorhanden sein, damit diese automatischen Systeme überhaupt aufmerksam werden.

#3: Schlagworte eignen sich als kognitive Anker für Beweisführungen.

Wenn man nicht nur schreibt, dass man motiviert und kreativ ist, sondern zudem erklärt, wodurch man motivierbar ist und wo man schon einmal wirklich kreativ war, dann kann man auch diese Buzzwords gut verwenden. Buzzwords dienen als Trigger-Wörter, die der Kandidat jedoch mit Leben und Kontext füllen muss.

Damit hat der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ wieder einmal seine Schuldigkeit getan: Er hat (gnadenlos) einen weit verbreiteten Irrtum als solchen aufgedeckt und zudem (etwas) praktische Lebenshilfe geleistet.

Übrigens: Natürlich könnte man die Linkedin-Datenbasis auch statistisch richtiger auswerten, vorausgesetzt, dafür liegen entsprechende Auswertungsberechtigungen vor (die aber Linkedin auch bei der ursprünglichen Untersuchung voraussetzt). Dann könnte man zumindest prüfen, welche Worte bei Personen, die Karriere machen oder die ganz oben auf der finanziellen Karriereleiter ankommen, am häufigsten auftauchen. Jetzt würde mit Übergang von Koinzidenz zu Kausalität die eigentliche Analyse erst beginnen.

Der Anhalter trauert: Leider wird so etwas genauso wie die Analyse von Pistazieneis aber als zu kompliziert empfunden. Das liest niemand, das wird auch nicht gerechnet (oder doch?) und auch nicht publiziert.

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P.S.: Douglas Adams schreibt in seinem Reiseführer durch die Galaxis nichts über Bewerbungsprofile. Aber er schreibt über das Handtuch, das – so sieht es zumindest der Autor des Reiseführers durch die Arbeitswelt – irgendwie genauso wie Wissen nutzbar ist. Denn „man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen. Bei Gefahr kann man sein Handtuch auch als Notsignal schwenken”. Also gilt: Handtuch funktional äquivalent zu Wissen.

 

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