Der Bluff mit der Flexibilisierung

31. Juli 2017

Aktuell und kurz vor der Bundestagswahl 2017 fällt zwar noch nicht häufig, aber immer häufiger das Wort „Flexibilisierung“. Dieses Wort ist gefährlich, denn dahinter verbergen sich zwei völlig andersartige Lesarten. Es gibt aber nur eine Prognose: Für den normalen Mitarbeiter wird es ganz böse ausgehen.

„Die Jugend will Flexibilisierung der Arbeitszeit. Also werden wir die Gesetze entsprechend ändern.“

So ein Satz und noch dazu aus dem Munde von Politikern klingt super: Politiker, die sich wirklich um die Jugend kümmern? Vielleicht sollte man vorsichtig sein, denn es klingt fast zu gut und somit verdächtig. Denn bisher haben sich die Politiker definitiv nicht umfassend und ganz sicher nicht so rührend um die Generation Z gekümmert. Allenfalls wird argumentiert: Das, was wir sowieso machen, betrifft immer auch irgendwie die Jugend. Vielmehr findet man auch in den Wahlprogrammen nicht.

Flexibilisierung ist ein gefährliches Wort: Wer kann sich gegen „Flexibilisierung“ aussprechen? Flexibilisierung ist in der heutigen Gesellschaft ausschließlich positiv konnotiert – fast so, wie es früher „Liberalisierung“ war. Wer wagt „Flexibilisierung“ zu hinterfragen? Flexibilisierung ist mit Fortschritt, Verbesserung, Lebensqualität gleichzusetzen.

Irgendwie ist es wie mit der Bologna-Reform: Sie klang für naive Zeitgenossen gut und nach Reform. Deshalb war man dafür. Die Bologna-Reform war aber Aktionismus, Abrissbirne und Alibi für individuellen Egolobbyismus („Bachelor Welcome“) sowie für feudalistische Präsidialsysteme an den Hochschulen.

Und jetzt kommt die „Flexibilisierung?“ Beim aufmerksamen Vertreter der nicht mehr so richtig existierenden Zivilgesellschaft nährt sich der gleiche Grundverdacht. Wieder einmal Grund genug, sich hier im zivilgesellschaftlichen Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ mit diesem Thema etwas zu beschäftigen.

Vergangenheit: Flexibilisierung der Arbeitszeit ist eine alte und massive Forderung der Arbeitgeber.

Egal ob aufgrund von Globalisierung, Digitalisierung, Virtualisierung oder einfach nur aufgrund vom (angeblich) gestiegenen Wettbewerb: Bei der Arbeitszeit ist die Forderung „wir müssen die Regeln flexibilisieren“ eine uralte und immer wiederkehrende Forderung. Wenn wir unsere Mitarbeiter mehr als 10 Stunden am Tag oder am Wochenende oder überraschend um Mitternacht brauchen, dann sollte das – so die Meinung einiger deutscher Personalvorstände – einfach möglich sein. Alles andere gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland, Arbeitsplätze und Gehälter von Top-Managern. Flexibilisierung ist also aus Unternehmenssicht zwingend notwendig.

Dumm nur: Erstaunlicher Weise haben Arbeitgeber bisher in diesem Fall bei der Politik nur begrenztes Glück – obwohl zumindest die drei hauptsächlich dafür zuständigen (SPD-)Ministerien ansonsten ziemlich konstruktiv auf ihrer Linie liegen.

Die Meinungsführer der deutschen Personalvorstände von Daimler, Siemens, SAP, Telekom und anderen Gesinnungsgenossen brauchen also dringend eine neue Kommunikationsstrategie. Und die haben sie jetzt gefunden.

Gegenwart: Flexibilisierung der Arbeitszeit ist eine neue, aber nicht massive Forderung junger Menschen.

Plötzlich erklären Unternehmensvertreter sowie Vorstände: Die Jugend will eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Sie will arbeiten, wann und wo und wie sie es gerade überlegt. Dann klappt es auch mit der Familienfreundlichkeit: Endlich können sie alles perfekt unter einen Hut bringen, Handwerkertermine ebenso wie die berechtigten Ansprüche von Kindern, Partnern und Freunden.

Das ist natürlich nicht falsch: Natürlich wollen auch junge Menschen mal später kommen oder früher gehen. Und natürlich wollen sie auch einmal einen Homeoffice-Tag einlegen. Also: Her mit den neuen Gesetzen. Weg mit Fesseln und Schranken. Weg mit Einschränkungen und Obergrenzen. Aber: Moment! Nicht so schnell!

Tatsache: Es gibt zwei Sichten auf die Flexibilisierung

Es ist ein gravierender Unterschied, ob wir von einer arbeitnehmerseitigen Flexibilisierungsmöglichkeit oder von einer arbeitgeberseitigen Flexibilisierungsforderung sprechen.

Im ersten Fall hat der Arbeitnehmer die Chance zur Flexibilisierung und kann sich überlegen, wann und vielleicht auch wo er arbeiten will. Im zweiten Fall entscheidet der Arbeitgeber und besteht auf Erfüllung seiner Forderungen: Er sagt uns, wann und wo wir uns jetzt flexibel zu verhalten haben. Und dank neuer Flexibilisierungsgesetze gibt es keinerlei Grenzen. Denn die Leistung muss – egal wie – erbracht werden: Das Unternehmen, das Projekt, der Kunde, die Karriere vom Chef und alles andere gehen vor. Und wenn es sich um einen Key Account Kunden handelt, dann geht der natürlich noch mehr vor.

„Flexibilität für Mitarbeiter“ gibt es in dieser hoch-wahrscheinlichen Lesart nur, wenn dafür zufälligerweise Platz ist.

Und spätestens jetzt beginnen die Mitarbeiter das Wort „Flexibilisierung“ zu verfluchen. Alle diese schönen Konzepte wie Vertrauensarbeitszeit, Wochenarbeitszeit oder Arbeitszeitkonten: Sie alle schlagen ihnen wie diabolische Bumerangs zurück an den Kopf – aber angeblich haben das die Mitarbeiter ja so gewollt. Dumm gelaufen.

Plötzlich bekommt die „Reform von Arbeitszeitgesetzen“ eine andere und bitterböse Bedeutung. Denn worum geht es? Geht es darum, dass Mitarbeiter Wahlfreiheit haben? Sicher nicht. Vielmehr darum, dass das Unternehmen auch kurzfristige, aber trotzdem bindende Festlegungen machen darf, denen dann schon mal der Abend oder das Wochenende zum Opfer fallen muss?

Gretchenfrage: Wer entscheidet über das Ausnutzen der Flexibilisierungsgesetze?

Wenn jetzt ein Arbeitnehmer wirklich um 17 Uhr in den Feierabend gehen will? Und nicht am Sonntag arbeiten möchte, obwohl es zulässig geworden ist? Wer wird diesen Konflikt der unterschiedlichen Interessen tatsächlich gewinnen?

Bisher schützten die Arbeitsgesetze die Arbeitnehmer vor extremen Forderungen der Arbeitgeber. Was aber, wenn Mitarbeiter gesetzlich nahezu unbegrenzt arbeiten dürfen? Und auch die Kindergärten unbegrenzt offen sind, also ultimative Flexibilität ermöglichen? Und wir auch noch Lebensarbeitszeitkonten haben, wo Unternehmen im Zweifelsfall jegliche Mehrarbeit gutschreiben können? Und offen lassen, wer das je einlösen kann. Auch derartige Arbeitszeitkonten klingen gut, haben aber böse Widerhaken.

Natürlich brauchen wir eine positiv-erlebbare Arbeitswelt mit Chancen für alle, mit verbesserter Lebensqualität für alle und mit neuen Spielregeln. Nur davon ist hier nicht die Rede.

Wer also gewinnt bei den anstehenden neuen Gesetzen die Deutungshoheit über Flexibilität? Die angekündigte Abstimmung auf Augenhöhe ist pures Märchen, oft erzählt von traurigen Demagogen, die derartiges nie praktiziert und nie erlebt haben. Neoliberale Politik ist keine Politik für viele, sondern Macht- und Klientelpolitik für wenige. Wir normale Arbeitnehmer werden den Kürzeren ziehen, gewinnen werden andere.

Zukunft: Neue Gesetze, neue Freiheitszonen, neuer Minister für Digitalisierung

Jetzt wagt der Reiseführer einmal den Blick in die Glaskugel und sieht drei Entwicklungen:

Erstens werden wir extreme Flexibilisierungsgesetze bekommen, die Flexibilität für alle geben, aber keine Aussagen darüber machen, wer über das Nutzen der Flexibilität entscheidet. Im Zweifelsfall entscheidet demnach der Stärkere und damit der Arbeitgeber. Die Flexibilisierung wird also vollständig vom Arbeitgeber bestimmt.

Zweitens werden wir Flexibilisierungs-„Freiheitszonen“ bekommen, wo (einige?) Unternehmen ohne die angebliche zwanghafte Regulierung durch Staat und Mitbestimmung vollkommen ungestört frei wirtschaften dürfen, selbst wenn die Gewinne aus dieser ungezügelten Liberalität nur einigen wenigen Profiteuren nützen werden.

Drittens wird im digitalen Darwinismus ein Staatsminister für Digitalisierung diese eigentlich gesellschaftspolitisch unfassbaren Schutzzonen für hyperkapitalistische Unternehmen umfassend schützen und verteidigen – und zwar gegen uns normale und wehrlose Menschen.

Heute: Die Generation Z will geregelte Arbeitszeiten mit etwas Variabilität

Dumm nur, dass die Generation Z aktuell weniger laut nach Flexibilisierung der Arbeitszeiten ruft. Sie plädiert mehr für geregelte Arbeitszeiten. Sie weiß auch warum. Vielleicht durchschaut sie sogar den Bluff, den hier einige Unternehmen mit einigen politischen Machtzentren gerade spielen? Und vielleicht unterschätzen Industrievertreter und Politiker diese Generation?

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P.S. Freiheit ist auch bei Douglas Adams in seinem epochalen Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ ein interessantes Konstrukt: Dort hat man sich die Freiheit genommen, „in den Mechanismus der Bombe einen kleinen Fehler einzuschmuggeln”. Damit funktioniert sie nicht. Und dann „pulverisierten“ die Silastischen Waffenteufel den Computer. Soweit zum Ausnutzen von Freiheit und zur Zukunft der Digitalisierung.

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