Chance für Deutschland: Der ballacksche Knöchel

18. Mai 2010

Ein Fuß ziert die Titelseite. ARD bringt einen Brennpunkt. Eigentlich hätte auch Angela Merkel die Diskussion um den Rettungsschrim in Höhe von 800 Mrd. € abbrechen und/oder um einen Rettungsschirm „Die Fußballnationalmannschaft nach Michael Ballacks Verletzung“ erweitern müssen. Doch der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ wäre kein wirklicher Reiseführer, würde er nicht im „Aus für Ballack“ irgendwo (a) ein grundlegendes Prinzip und (b) eine wirkliche Chance sehen.

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Nach der Wade der Nation nun der Knöchel der Nation. Doch ein messerscharf Beobachtender erkennt sofort den Unterschied: Die aktuelle Verletzung bei Michael Ballack ist so weitreichend, dass er 8 Wochen und damit auch für die Fußball-WM ausfallen wird. Dass dies menschlich mehr als unglücklich ist, braucht man nicht mehr zu betonen. Auch die sicherlich bald entstehende Chance, neben Jens Lehmann und Oliver Kahn als Kommentator in Südafrika aufzulaufen, wird ihn nicht trösten.

Wie sieht es aber mit Fußball-Deutschland aus? Hier sind sich alle Kommentatoren der letzten 24 Stunden (genau so alt ist die Hiobsbotschaft jetzt) einig: absolute Katastrophe. Auch Joachim Löw ringt mit seiner Fassung. Die hat die BILD-Zeitung schon verloren und ist nahe dran, den Rückzug der deutschen Nationalmannschaft aus Südafrika zu fordern (würde dann nicht Österreich nachrücken??). Ansonsten die klare Aussage: Selbst wenn die deutsche Mannschaft grottenschlechten Rumpelfußball gespielt hat, kamen von Michael Ballack wenigstens zwei bis drei wichtige Aktionen.

Nur, jetzt wird es interessant: Kann es nicht vielleicht sein, dass Michael Ballack dafür irgendwie mitverantwortlich war?

Und plötzlich steht ein neuer Eintrag für den Reiseführer: „Ein ballackscher Knöchel ist (1) ein nach Michael Ballacks Verletzung aus dem Jahre 2010 benanntes Phänomen, bei dem (2) zunächst eine übermächtige Führungsperson seine ihm de facto unterstellten Mitarbeiter unbewusst in ihrer Entfaltung gelähmt hat und (3) bei dem nach Verlust dieser Führungsperson jeder im Team endlich sein Leistungspotenzial abrufen konnte/wollte, was (4) zu einer explosionsartigen Steigerung der Teamleistung führt, wenn (5) die ehemalige Führungsperson vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet und (6) alle im Team eigenverantwortlich arbeiten wollen.”

Nun ist die Steigerung natürlich noch nicht eingetreten und man wird noch über Vieles nachdenken müssen. Zwei Denkanstöße:

Joachim Löw sollte Michael Ballack freundlich, aber bestimmt aus dem Trainingsgelände hinaus komplementieren und ein Phrasenschwein einführen: Jeder, der den Namen „Ballack” erwähnt, muss 10 € einzahlen.

Theo Zwanziger als DFB-Chef sollte Joachim Löw keinen neuen Vertrag geben: Ein Manager, der alles auf eine Person (beziehungsweise auf einen Knöchel) setzt, hat noch nie etwas von Kontingenzplanung gehört. Das ganze wirkt grob fahrlässig. Außerdem sollte er van Gaal kurzfristig als gleichberechtigen Co-Trainer einstellen: Denn van Gaal hat (und das muss auch ein FCB-Gegner einräumen) eine Mannschaft entwickelt, in der jeder mitmacht und der Ausfall eines Spielers nicht alles zerstört.

Dass sich das Prinzip „ballackscher Knöchel” erfolgreich umsetzen lässt, hat die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen bewiesen, als beim Beethoven-Festival in Bonn plötzlich ihr Dirigent ausfiel und noch entscheidende Proben anstanden: Das Ergebnis war auch ohne Dirigent so überzeugend, dass die FAZ fast schon euphorisch schrieb „es geht auch ohne Armwackeln” und das Orchester dieses Stück seitdem mit dieser Solistin regelmäßig ohne Dirigenten spielt.

Damit möchte sich der Berichterstatter des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt” jetzt und hier zum ersten Mal eindeutig festlegen: Mit Michael Ballack wäre Deutschland nie Weltmeister geworden (was allerdings nie bewiesen werden kann). Ohne Michael Ballack hat Deutschland jetzt eine echte Chance! (Was zu beweisen wäre …)

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P.S.: Douglas Adams scheint in seiner Zeitreise und in seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Galaxis” auch schon Probleme mit Knöcheln gehabt zu haben, wenn er schreibt: „Zwischen den Sarkophagen wälzte sich ein schweres, öliges, weißes Gas langsam über den Fußboden hin, was dem Ort vielleicht ein bißchen Atmosphäre geben sollte – bis er entdeckte, dass es seine Knöchel gefrieren ließ”.

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