Angelikas Absturz: Das „Tall Dammann Syndrom“

12. Juli 2011

In allen Medien ein fast identischer Text: Angelika Dammann als SAP-Powerfrau „schmeißt hin“. Doch während die Presse in vornehmer Zurückhaltung verharrt, gibt es eine verlässliche Quelle, die gleißendes Licht auf diesen Vorgang wirft, und die ist natürlich der allseits bekannte Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“.

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Wir erinnern uns: Schon vor einiger Zeit berichtete „Der Anhalter“ unter der Überschrift „SAUgenau messen und SAPgenau verstehen“ über vielleicht doch existierende Unzufriedenheit bei den SAP-Mitarbeitern. Gleichzeitig hatte er auch bei der Personalchefin Angelika Dammann um eine kleine Erklärung angefragt. Ohne Erfolg – was aber auch klar ist, weil es im Learjet von SAP vermutlich kein Internet gibt und man den Anhalter üblicherweise online liest.

Natürlich gibt es häufig Mitarbeiterbefragungen mit schlechten Ergebnissen, auch bei SAP, und es soll sogar einmal ein Vorstandsvorsitzender bei SAP über schlechte Befragungsergebnisse gestolpert sein. Nun stolpert man streng genommen nicht über die schlechten Zahlen, sondern über die reale Unzufriedenheit der Mitarbeiter. Man stolpert auch weniger darüber, dass die Ergebnisse nach Außen gelangen, sondern eigentlich über ihre schlichte Existenz.

Aber zurück zu Angelika Dammann. Sie wird zu Recht von Bild.de „Powerfrau“ und die „Super-Karriere-Frau“ genannt. Forsch im Ton, unnachgiebig in der Sache, zackig dem Zeitdruck folgend und im Laufschritt: so wirkt sie, wenn sie an ein Referentenpult tritt, und so dürfte sie auch im Unternehmen agiert haben. Neben ihr verblasst alles. Sie ist erfolgreich. Kein anderer Personalvorstand hat als Medienstar so rasch ein derartig breites Medienecho erreicht. Egal ob bei „Hart, aber fair“ oder auf einem der vielen Personalkongresse: Angelika Dammann überragte nicht nur körperlich mit ihren 1,85 m viele. Schon nach wenigen Monaten bei SAP wurde sie von einem Personalmagazin zum HR-Manager des Jahres gewählt und die Laudatio klang fast so, als ob es die Ehrung zum Personalmanager des Jahrtausends wäre.

Doch das Universum im Allgemeinen und die Arbeitswelt im Besonderen ist verschlungen, vernetzt und läuft dann doch irgendwie anders, als man sich das auf einem theoretisch klar strukturierten Schreibtisch überlegt. Deshalb zunächst einmal wie üblich eine Definition – die uns zwar etwas auf eine falsche Fährte lenkt, aber trotzdem hilfreich ist:

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert: „Das Tall Poppy Syndrom ist ein aus (1) Australien stammender Ausdruck, wonach (2) eine besonders große Mohnpflanze, die (3) deshalb aus einem Mohnfeld herausragt, zwingend (4) abzuschneiden ist und man sich im Regelfall freut, wenn (5) eine Tall Poppy zurück auf den Boden der Realität fällt“.

So, jetzt haben wir zumindest gelernt, dass „Poppy“ das australische Wort für Mohnpflanze ist. Aber ist das wirklich die Erklärung? War es nur Missgunst aller anderen, die nicht so weit nach oben kamen und zwergenhaft zu ihr nach oben schauen mussten?

Zurück zu den Fakten: Selbstredend tun sich Unternehmen schwer, endlich Frauen auf die Vorstandsposten zu bringen, weil es ganz einfach bereits auf der zweiten Ebene viel zu wenige Frauen gibt. Damit steigt die Verhandlungsmacht der Frauen, die sich dann eben wie Angelika Dammann Heimflüge im Firmenjet per Arbeitsvertrag zusichern lassen. Und vielleicht noch vieles andere, was wir alles nicht wissen. Gut, das ist wahrscheinlich bei männlichen deutschen Vorständen ebenfalls üblich, wobei es dadurch aber auch nicht besser wird.

Doch wie kann es angehen, dass – obwohl „nach Medienberichten“ die Stimmung bei SAP nicht besser wurde –, sie allen ernstes beim Aufsichtsrat angefragt hat, ob sie den Firmenjet für ihre Wochenendheimflüge zwei weitere Jahre bekommen könne, weil sie bisher keine passende Wohnung in der Nähe von Walldorf finden konnte? Und wie kann es passieren, dass sie dabei alle richtigen und wichtigen Ideen von SAP zur ökologischen Unternehmensführung, zum CO2-Footprint sowie vor allem zur individuellen Verantwortung von Führungskräften ignorieren wollte? Hat nicht gerade hier ein Personalchef eine ganz besondere Vorbildfunktion?

Tipp für die Presse und für Kongressveranstalter: Bevor eine Person in den Himmel gehoben und dort durch Sauerstoffmangel erstickt wird, bitte einmal genau hinschauen! Dies gilt gerade für die HR-Fachpresse, die – soweit erkennbar – nicht einmal das Scheitern von Angelika Dammann kritisch kommentierte.

Sicherlich war Angelika Dammann nicht besser als ihre Kolleginnen und Kollegen. Sie ragte nur mehr heraus, weil sie als Frau eben mehr auffiel. Und dann wurde es natürlich für sie schwierig angesichts des medialen Feuerwerks um ihre Person, wurde es immer schwieriger, auf dem Boden der Realität zu bleiben und sich mit so kleinen Details wie mit Gehaltsverhandlungen von Mitarbeitern und mit Betriebsräten zu befassen. Kann es sein, dass sie immer mehr an das geglaubt hat, was über sie geschrieben wurde? Kann es sein, dass vielleicht diese sozial-medial konstruierte Realität eben nicht ausgereicht hat, reale Herausforderungen zu bewältigen?

Angelika Dammann hat als Personalvorstand eines der Unternehmen mit dem „höchsten Humankapital pro Kopf“ eine herausragende Position. Dazu kam dann der „Medienhype“, der primär ausgelöst wurde, weil sie eine Frau ist und damit zur „Super-Karriere-Frau“ wurde. Dann kamen noch ihre markigen Sprüche dazu, die – wie ihr Plädoyer gegen die Frauenquote – vielen gefielen. Plötzlich war alles gut, alles toll und Angelika Dammann wurde zum Medienvorstand, dessen Rolle im Unternehmen und als Nutzerin des Firmenjets plötzlich durch den Aufsichtsrat hinterfragt wurde und zu der Auflösung des Arbeitsverhältnisses führte.

Anders formuliert: Sie war ein kleines Stückchen übers Feld hinausgewachsen und wurde dann wie eine rote Mohnblume noch viel weiter nach oben gezogen, bis sie ganz klar über das Mohnfeld hinausragte. Dass sie dann scheitern musste, war klar und lag auf der Hand wie die sicherlich aufkommende Schadensfreude der anderen.

Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ definiert daher ergänzend: „Das Tall Dammann Syndrom ist die aus (1) Deutschland stammende Charakterisierung einer Situation, in der eine (2) von den Medien und (3) von sich selbst derartig über das Mohnfeld nach oben gezogene Person (4) durch eigenes Verschulden jegliche Bodenhaftung verliert, dass sie (5) abgesägt und (6) zum Objekt stiller Freude der anderen wird, aber trotzdem (7) an anderer Stelle wieder weiterwächst.“

Damit ist das Tall Dammann Syndrom (TDS) deutlich vom Tall Poppy Syndrom (TPS) zu unterscheiden: Denn gerade weil (besser: „solange“) diese Personen Lieblinge der Medien sind, bekommen sie eine zweite, dritte, vierte und fünfte Chance. So werden HR-Medien und HR-Kongressveranstalter Angelika Dammann weiterhin innig lieben. Auch wird sie auf einen neuen Job als Personalvorstand nicht lange warten müssen, denn gerade für diesen Job werden offenbar händeringend Frauen gesucht – aber das wäre wieder ein neues Thema.

Bevor aber unserem beliebten Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ jetzt wieder reflexartig „Frauenfeindlich!“ vorgehalten wird: Dieser Beitrag hat nichts mit der Quotendiskussion zu tun. Es ist allenfalls bemerkenswert, dass Angelika Dammann in ihrer mit „Angelika“ unterschriebenen Begründung für ihren Rückzug dem „Wunsch nach mehr Zeit für die Familie“ eine Formulierung verwendet, die man eher bei Frauen als bei Männern findet.

Bild zu: Angelikas Absturz: Das „Tall Dammann Syndrom“

P.S.: Douglas Adams mit seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ würde vermutlich das ganze mit Nukleinsäure erklären. Denn sie ist „Teil eines genetischen Wachstumsrezepts . . . und führt am Ende dazu, dass einer Pflanze ein zusätzliches Blatt wächst.“

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