Das „Hochschulquartett“ als vorsortierte Wirklichkeit

30. September 2016

Der Deutschlandfunk bringt heute in der Reihe „Hochschulquartett“ eine Diskussion zum Thema „Weniger Gängelung der Hochschulen“. Es überraschen jedoch die Zusammensetzung der Runde sowie ihre thematische Ausrichtung. Denn es geht ausschließlich um die Frage, ob der präsidiale Feudalismus noch mehr gestärkt werden soll. Insgesamt also ein interessantes Beispiel für „Medien schaffen Wirklichkeit“ und „Wie Journalisten durch ihre eigenen Werte gesteuert werden“.

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Der Autor dieses kleinen Reiseführers grübelt über einen bald zu haltenden Vortrag auf der Medienkonferenz IMMAA in Seoul. Der Titel des Vortrags: „Looking at Values in Media Companies as Input and Output“. Gut, das alleine ist nicht besonders spektakulär und auch irgendwie abstrakt. Aber wie sich auch in der intergalaktischen Welt von Douglas Adams doch alles irgendwie irgendwann zu irgendetwas zusammenfügt, so passt das schon vor Monaten fixierte Thema weiterhin wunderbar zur heutigen Medienwelt.

Werte sind grundsätzliche Einstellungen, die wiederum ihre Handlungen prägen.

Auch das ist nicht unbedingt spektakulär, schon gar nicht im Kontext von Medien und den beteiligten Journalisten, wenngleich man deren wertebezogenen Weichenstellungen im Rahmen ihrer Arbeit durch marktschreierische Worte emotional aufladen könnte. Aber das ist ein anderes Thema, das man lieber nicht behandeln soll. Also weg mit diesem Punkt! Hier wird kein bewusstes Verfälschen der Wahrheit unterstellt, wohl aber eine unbewusste journalistische Steuerung durch eigene Wertvorstellungen und Einstellungen konstatiert.

Werte und Einstellungen von Journalisten prägen ihre Arbeit.

Heute Abend läuft im Deutschlandfunk die Sendung „Weniger Gängelung der Hochschulen?“ (-> hier). Das ist ja zunächst einmal nicht verkehrt und im Grunde wünschenswert. Stutzig macht aber die Einladungsliste, denn sie enthält ausschließlich solche Akteure, die von innen heraus oder von außen hinein Hochschulen gängeln, also in ihrer freiheitlicher Lehre und Forschung zu steuern versuchen: Sabine Kunst und Dieter Lenzen sind beide Universitätspräsidenten, Eva-Maria Neher ist Vorsitzende eines Hochschulrates und Frank Ziegele Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung, einer Institution, die speziell über die CHEConsult (-> hier) massiv für das Kunstwort „Hochschulautonomie“ gearbeitet hat und „gerne“ Präsidenten berät (aktuell das Gründungspräsidium der Hochschule Hamm-Lippstadt).

Hochschulautonomie ist ein irreführender Ausdruck, der letztlich die Autonomie des Hochschulpräsidenten beschreibt, bei gleichzeitiger und völliger Aufgabe realer Mitsprache-Möglichkeiten von Senat, Fakultäten, Professoren und Studenten.

Die Details dieser Diskussion interessieren an dieser Stelle nicht; sie finden sich unter anderem -> hier. Es interessiert die Rolle der Journalisten, die diese Runde in dieser Form zusammengestellt und damit gelenkt haben.

Christian Floto und Barbara Weber als „Macher“ der Sendung kannten die Diskussion, die um die Machtfülle von Präsidenten und die Ohnmacht aller anderen Personen in Hochschulen kreist. Für sie ist aber offenbar genau diese von den Mitdiskutanten „qua Amt“ vertretene Governance-Struktur einer zentralen Planwirtschaft von vornherein die richtige Lösung, um Ordnung und Linie in die Hochschulen zu bringen. Die Antwort auf die Nachfrage, ob man nicht jemand mit abweichender Meinung in die Runde einladen könnte: Drei Personen der Runde seien immer dieselben, nur die vierte Person variiere, sei aber schon eingeladen. Nun, der Faktencheck zur ersten Behauptung fällt negativ aus; sie stimmt also nicht. Barbara Weber stellte allerdings vorab die Möglichkeit in den Raum, einen Satz eines Kritikers des Präsidialsystems vorher aufzuzeichnen und gegebenenfalls in der Sendung zu nutzen. (Dieser Vorschlag wurde aus naheliegenden Gründen vom Autor dieses kleinen Beitrages abgelehnt, wenngleich er sehr schön die Asymmetrie der Machtverhältnisse an deutschen Universitäten ausdrückt.)

Manche Journalisten haben eine spezifische Auffassung davon, was gut und richtig ist. Und davon lassen sie sich lenken, ohne auch nur irgendein Gefühl für die daraus entstehende Einseitigkeit zu entwickeln.

Bereits in der Zusammensetzung der Runde liegt der Fehler: Natürlich kann man vier Veganer über den optimalen Brotbelag streiten lassen. Aber bereits das schließt Wurstbrote als mögliche Antwort auf irgendetwas aus. Und wenn im Radio dann wirklich nur noch über vegane Kost gesprochen wird, dann werden wir irgendwann davon ausgehen, dass im Veganismus der korrekte Weg in die Zukunft liegt.

Gerade im Bildungsbereich haben Journalisten oft sehr extreme Ansichten: So wurde die inzwischen weitgehend als „problematisch“ eingestufte Bologna-Reform (die in ihrer Umsetzung den Interessen einiger Industrieunternehmen und den immer machtvolleren Hochschulpräsidenten dient) massiv von Journalisten gepusht, die gleichzeitig Kritiker immer wieder verteufelt haben.

Medien schaffen gerade im Bildungsbereich Wirklichkeit. Leider.

Selbst bei Details haben Medien Wirklichkeit geschaffen: So berichtete das Handelsblatt positiv nur über akkreditierte MBA-Programme. Andere Schulen wurden allenfalls in existenzgefährdender Form (zum Beispiel von Christoph Mohr -> hier) an den Pranger gestellt. Inzwischen hat sich die Akkreditierung eher als ein Unwesen herausgestellt, was auch richterlich bestätigt ist.

Oder das CHE, das ein Ranking von Hochschulen erstellt, welches über eine Medienpartnerschaft in der ZEIT erscheint. Pikant: Hochschulen wurden als weniger gut eingestuft, bei denen der Präsident nicht der Wahl von Dekanen widersprechen durfte, einem Recht, das zu den traditionellen Autonomie- und Freiheitsrecht der Fakultäten zählt. Das Ergebnis: Nur solche Dekane werden überhaupt zur Wahl gestellt, die dem Präsidenten ins Konzept passen. Rutscht ein anderer zufällig durch, wird ihn der Präsident entweder ablehnen oder anderweitig eliminieren. Unabhängig davon, ob das heute noch so ist: Hiermit wurde über CHE und ZEIT der präsidiale Feudalismus zum Kriterium für „Gute Hochschule“ gemacht. Da passt es natürlich, dass Christian Floto und Barbara Weber das CHE in diese Runde mit den Hochschulpräsidenten einlädt.

Medien schaffen auch sonst durch ihre Programmgestaltung Wirklichkeit.

Nur der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass man diese Problematik nicht nur im Bildungsbereich sieht. Gerade bei der aktuellen digitalen Transformation gibt es Fehlentwicklungen: So wird es ein Beitrag mit der Aussage, dass die aktuelle Interpretation von Digitalisierung immer mehr Flexibilität von Mitarbeitern fordert und auch die Leiharbeit fördert, nicht unbedingt ins politische Feuilleton des Deutschlandfunks schaffen.

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt viele Journalisten, die journalistisch sauber arbeiten, ihr Handwerk verstehen und auf Ausgewogenheit achten. Nur hier ist für heute Abend jetzt schon klar, dass der Tenor der Sendung vermutlich nicht etwa auf „Weniger Gängelung der Hochschulen?“ hinausläuft, sondern auf „Endlich noch mehr absolute Macht dem Präsidenten!“, ein Ergebnis, dass bereits vor der Diskussion alleine schon durch die Auswahl der Gesprächsteilnehmer nahe liegt.

Aber vielleicht kommt es ja doch ganz anders, als es der Autor dieses kleinen Textes erwartet. Er selber wird sich die Sendung auf jeden Fall ersparen und zu dieser besten Sendezeit im Flugzeug nach San Francisco sitzen …

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P.S. In akademischer Akkuratesse sei darauf hingewiesen, dass der Präsident bei Douglas Adams in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ genau das Gegenteil von dem ist, was wir hier an manchen Orten beobachten können. Bei Douglas Adams gilt nämlich: „Der Präsident ist stets eine widersprüchliche Persönlichkeit, ein aufreizender, doch faszinierender Charakter. Seine Aufgabe besteht nicht darin, Macht auszuüben, sondern die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.“

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2 Comments

  • Christian Scholz 23. Oktober 2016 at 18:29

    Die Sendung zur Hochschulsteuerung lief in etwas anderer Besetzung, aber ansonsten wie erwartet.
    Interessant allenfalls das belustigte Gelächter der Anwesenden ob der Aussagen von Scholz & Stein. Und dann die Alles auflösende Begründung von Frank Ziegele (CHE) für die Nichtexistenz von feudalistischen Strukturen im deutschen Hochschulwesen: Er habe Präsidenten befragt und keiner hatte bei sich selber einen autoritären Führungsstil diagnostiziert. Christian Floto fand diese empirische Aussage ausreichend und überzeugend.

    Ansonsten bin ich einem Denkfehler erlegen. „Quartett“ bedeutet natürlich nicht Diskurs, sondern wie bei Spielkarten vier Karten, die genau zusammenpassen.

  • Christian Scholz 9. Dezember 2016 at 14:54

    Ein kleiner, aber aktueller und bemerkenswerter Nachtrag,:

    Wenn man Kriterien für einen „guten“ Präsidenten (z.B. „stark“ und „top-down“) genau betrachtet, wie sie in dieser Sendung (auch) von Herrn Ziegele (CHE) definiert wurden, so ist es bemerkenswert, dass CHE und ZEIT (als treuer Medienpartner vom CHE) gemeinsam Volker Linneweber aus Saarbrücken als Hochschulmanager des Jahres ausgezeichnet haben.

    Jetzt muss man nur noch die sehr originellen „Erhebungsmethoden“ von Herrn Ziegele (siehe Kommentar oben) sowie die Zusammensetzung der Jury (Dominanz von Hochschulleitern) dazu nehmen, dann schließt sich die ganzseitige Laudatio von Anant Agarwala in der ZEIT (17. November) nahtlos an die Sendung von Christian Floto an.

    Nur hätten solche Zusammenhänge die rührende Homestory von Anant Agarwala ebenso gestört wie ein Hinweis darauf, wo Volker Linneweber in der Professorenbefragung vom Deutschen Hochschulverband steht. Auch fehlt die Beantwortung der Frage, ob es Verbindungen zwischen CHE-Consult und dem Saarland gibt oder gab.

    Aber vielleicht hängt der Autor des Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ nicht nur altmodisch-romantischen Idealvorstellungen von einer „Universität“ nach (die NIE von einem Manager geführt werden darf und in der es NIE ein Präsidialsystem geben darf), sondern hat zudem noch altmodisch-romantische Vorstellungen darüber, was unter „Journalismus“ zu verstehen ist. (Aber dazu mehr an anderer Stelle.)

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