B’lor#1 und „more to come“

8. Dezember 2006

Auch wenn meist übersehen, erwartet den Reisenden am Flughafen in Bangalore das erste kulturhistorische Rätsel: Zwei Feuerlöscher an einer weißen Wand und eine Tafel mit der Aufschrift “Make your conversation brief to give a chance to others”. Wer soll sich hier in welcher Form kurz fassen, damit wer auch eine Chance (wofür) bekommt?

Bild zu: B'lor#1 und "more to come"

Eine erste Erklärung wäre eine Bitte, mit dem Immigration-Officer keine Plauderstunde zu beginnen. Eine zweite wäre die Vermutung, dass hier früher ein Münzfernsprecher hing, eines dieser prähistorischen Gegenstände, die man in der modernen Welt der Telekommunikation schon nicht mehr kennt. Die prähistorische und per Hand gezogene Rikscha, von denen es in Kalkutta noch insgesamt 5.937 gibt, sind übrigens in B’lor (so die offizielle Abkürzung für Bangalore) bereits durch Motor-Rikschas ersetzt. Diese kleinen, gelben Tuc-Tucs werden aber auch bald der Vergangenheit angehören, wenn B’lor seine Metro-Rail bekommt.

Wie aber stellt sich die Arbeitswelt dar – zumindest der Bereich, der für die Leser des Reiseführers “Per Anhalter durch die Arbeitswelt” relevant ist?

Seit langem gibt es die Situation, dass die sehr gut ausgebildeten Inder gerne auswandern und zum Beispiel in den USA Chefin von PepsiCo (so jüngst Indra Nooyi) werden. Konsequenz für den Arbeitsmarkt: Eher Chance durch “Entlastung”, da diese gut qualifizierten Inder überall in der Welt einen angemessenen Job finden, den sie womöglich in Indien nicht finden würden; weniger Bedrohung durch Wettbewerb, da nur wenige übrig bleiben, die in Indien die „guten“ Position unter sich ausmachen. Nur beginnt auch Indien zu merken, dass die Logik von diesem B’lor#1 langfristig gefährlich für Indien ist, wenn die gut ausgebildeten potenziellen Arbeitskräfte das Land verlassen.

Deshalb gibt es eine Veränderung zum “Outsourcing” nach Indien, begleitet mit dem Vorurteil bei uns, dass in Indien im Sinne von Outsourcing allenfalls low-skilled Labour zu finden ist, man also Mitarbeiter in einem Call-Center, Bearbeiter von Reiseabrechnungen oder im besten Fall einfach-spezialisierte Programmierer findet. Das ist aber allenfalls richtig für die Phase B’lor#2. Konsequenzen für den Arbeitsmarkt? Vorhanden, aber im Sinne einer kosteneffizienten, internationalen Arbeitsteilung überschaubar.

Inzwischen läuft aber schon B’lor#3 an. Accenture baut gerade ein neues Gebäude mit Tausenden von Arbeitsplätzen für R&D. Cisco will seine Globalisierung künftig von B’lor aus gestalten. Wenn man dann Schulen wie das IIM (The Indian Institute of Management) dazu nimmt, das in seiner Größe beeindruckend und in seinen monoton grauen Gebäuden kafkaesk wirkt, wird rasch klar, dass diese high-level Arbeitsplätze in B’lor eher mit Indern besetzt sein werden. Konsequenz? Verlust an Arbeitsplätzen in Deutschland, aber vielleicht die Chance, nach Indien auszuwandern.

Wirklich spannend wird B’lor#4. Hier beginnen indische Firmen Indien und zunehmend auch den Weltmarkt zu erobern. Neben Bollywood als indische Filmindustrie (die mit einfachsten Mitteln ihre Filme produziert) gibt es selbst indische IT-Firmen mit beeindruckender Größe. Beispiel Infosys: Gegründet im Jahre 1981 von Narayana Murthy, angefangen mit einem Startkapital von 250 $ und quasi ausgestiegen 2006 mit 1,3 Mrd. $. Konsequenz für den Arbeitsmarkt? Das Ausmaß der erlebten Globalisierung wird steigen. Gleichzeitig wird es ein ganz anderes Verständnis von “Outsourcing” geben.

Der Reiseführer schließt mit folgender Empfehlung: “Im Umgang mit Indien (und nicht nur mit Indien) sind die B’lor-Stufen genau auseinander zu halten und besonders die Chancen und Risiken bei B’lor#4 zu beachten, denn da gibt es statt amerikanischer Heuschrecken indische Elefanten!”

Selbstverständlich gelten die B#lor-Stufen auch für andere Planeten…

Bild zu: B'lor#1 und "more to come"

P.S.: Diese Zustandsbeschreibung unterscheidet sich von der, die man im Originalreiseführer von Douglas Adams findet. Dort steht folgende Passage über zwei Programmierer:” ‘Wir fordern, dass Ihr uns nicht aussperrt!’ schnautzte der Jüngere, obwohl er mittlerweile längst im Zimmer stand und niemand versuchte, ihn aufzuhalten.

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