Big Data ohne Koinzidenz?

3. September 2016

Alle reden von Big Data und an Universitäten strukturieren sich ganze Fachbereiche in diese Richtung um. Trotzdem gibt es kritische Stimmen, die an der Idee der „Koinzidenz“ ansetzen. Und genau dazu gab es diesmal eine bemerkenswerte Veranstaltung beim Forum Alpbach.

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Hunger. Ich öffne eine Kuchenschachtel und erwarte einen Apfelkuchen. Mit Rosinen. Enttäuscht. Kein Apfelkuchen. Keine in Rum getränkten Rosinen. Dafür eine kleine, zerbrochene Plastiktrompete in nicht definierbarem Rosa. Kann die Kuchenschachtel etwas dafür, dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden? Vielleicht.

Genau das erlebte der Autor dieses kleinen Reiseführers durch die Arbeitswelt bei einer Veranstaltung vom Forum Alpbach im idyllischen Tirol. Dabei geht es jetzt nicht um Tiroler Apfelstrudel, sondern um einen Vortrag zum Thema „Big Data“. Nun, derartige Vorträge gibt es immer wieder und sie verlaufen auch in Alpbach seit fünf Jahren immer in völlig identischer Form: so das Credo eines kritischen Zuhörers im Klassenzimmer der Alpbacher Hauptschule, wo die Veranstaltung stattfindet.

Aber diesmal ist etwas anders, aber leider nur im Titel. Der lautete nämlich in der deutschen Fassung „Big Data – Blick in die Zukunft, oder das Ende des Zufalls“. Das ist nicht unbedingt prickelnd. Besser der englische Titel: „Big Data – a vision of the Future, or the End of Coincidence“. Denn dieser Titel trifft den Kern der meisten Big Data Ansätze:

Koinzidenz bedeutet das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr Merkmalen, das aber nicht unbedingt Kausalität bedeutet, wohl aber handlungsleitend für den Großteil der Big Data Anwender ist.

Stellt man also – so einer der Lieblingsfälle aus dem Big Data Umfeld – fest, dass sich bei Schwangeren der Feuchtigkeitsgrad der Haut verändert, so ist für das Kaufhaus der Umstieg auf eine spezielle und alkoholfreie Hautcreme gleichbedeutend „Das Mädchen ist wahrscheinlich schwanger“ und deshalb wird es zuhause mit Reklame für Babysachen zugemüllt (was zumindest den unwissenden Vater einer 14-jährigen-Nicht-Schwangeren etwas irritiert).

Koinzidenz ist einer der Hauptvorwürfe gegen Big Data: Man nimmt „einfach“ ganz viele Daten unterschiedlichster Herkunft, sucht Koinzidenz, findet sie, zieht teilweise ungefragt seine Schlüsse und wird datengetrieben aktiv.

Auf diesen Punkt gingen die vier Referenten nicht ein. Wohl aber das Publikum und zwar ohne die fragwürdige Logik der „Koinzidenz“ beim Namen nennen zu können. Dafür aber aus eigener Erfahrung: Der eine zieht als Österreicher nach Frankfurt und bestellt ein Bett. Das wird nie geliefert. Später erfährt er den Grund: Er ist Ausländer und der Stadtteil problembehaftet. Die andere erzählt von neuen Verfahren gegen Wirtschaftskriminalität, wo der Staat bei gewissen „Anomalien“ tätig wird. Also vereinfacht ausgedrückt: Personen, die im Internet etwas Kritisches zu Steuerfahndern schreiben, bekommen sofort die Steuerfahndung ins Haus. Oder man schließt aus zwei zusätzlichen Girokonten auf die Gefahr der Insolvenzverschleppung. Oder von einem 5er BMW und einer 1-Zimmerwohnung direkt an einer Autobahnauffahrt auf terroristischen Hintergrund. Mit allen an George Orwell erinnernden Konsequenzen..

Die Gefahr: Dadurch, dass nahezu unkontrolliert riesige vorher-unverbundene Datenbestände in Verbindung gebracht werden, können Koinzidenzen gefunden werden, die überhaupt keine realen Zusammenhänge widerspiegeln, denen man aber vertraut: getreu dem bereits von Theodore Porter beschriebenem „Vertrauen in Zahlen“. Deshalb werden reale Aktionen mit Konsequenzen für die Koinzidenz-Opfer eingeleitet: Man bekommt kein Bett geliefert, vielleicht auch kein Jobangebot. Oder man wird entlassen, weil der Arbeitgeber (ohne dass der Arbeitnehmer es weiß) eine warnende Koinzidenz sieht und dann auch noch Big Data dazu nutzt, „rechtssichere“ Kündigungsgründe zu wählen.

Was man noch alles machen kann, dazu entwarfen die Referenten aus ihrer Sicht ein wahres Traumszenarium. Ihr Resümee:

Koinzidenz liefert uns die Basis zum (scheinbar) besseren Verständnis von Konsumenten, Bürger, Arbeitnehmern, Mietern, Studierenden, Autofahrern, mittelständischen Betrieben und natürlich Patienten.

Gerade die Zielgruppe der Patienten wurde immer wieder von den Referenten ins positive Licht gerückt: Wir können Krankheiten besser diagnostizieren, laufend das vielleicht gesundheitsschädigende Verhalten beobachten und so vielleicht auch bessere Therapien ableiten. Krankenkassen können aber auch – und dazu kamen auch ein warnender Hinweis – eine Therapie verweigern, wenn eine Koinzidenz mit Hinblick auf Lebenserwartung und Therapiekosten dagegen zu sprechen scheint.

Gleichzeitig wollen deutsche Krankenkassen die Selbstvermessungsdaten der Kunden nutzen und locken mit Vergünstigungen. Wenn aber meine Krankenkasse weiß, dass ich wieder einmal den ganzen Tag vor dem Computer gesessen bin, dann kann das später einmal zu einem schlechteren Tarif führen. Oder es werden wegen „Selbstverschulden“ in ferner Zukunft bestimmte Therapien nicht mehr übernommen. Oder es gibt plötzlich doch eine Zugriffsmöglichkeit vom Arbeitgeber auf diese Daten und dann bekommt der Ausdruck „Personalplanung“ eine ganz neue Qualität.

Koinzidenz ist ein lebensgefährlicher Grundansatz in Big Data.

Bleibt man bei den bekannten und zugegebenen Anwendungsfällen, so gibt es kaum Hinweise, dass sich diese ganze IT-Technologie tatsächlich irgendwie rechnet und dass die überall explosionsartig entstehenden riesigen Daten-Center irgendwie ökologisch auch nur ansatzweise vertretbar sind. Das aber alles scheint egal. Wenn man bedenkt, dass die NSA als Datenkrake alles mögliche sammelt, aber (aktuell) wegen noch zu kleiner Datenspeicher vieles unverarbeitet wieder wegwirft, ist dies auf der einen Seite ein wenig beruhigend für Bürger, aber auf der anderen Seite müssen wir alle diese Kosten tragen.

Ein Hinweis zu den Referenten an diesem Nachmittag: Abgesehen von einem Big-Data-freundlichen Journalisten, einer durchaus abwägend-argumentierenden Politikerin und einem permanent auf den Klageweg hinweisenden Juristen hielten uns vor allem die Vertreterin von Microsoft und der CEO von T-Mobile Austria glühende Plädoyers „pro Big Data“. Angesichts von jeweils einem neuen Daten-Center pro Woche (Microsoft) und der für Big Data nötigen „großen“ IT-Struktur sah man die leuchtenden Dollar- und Euro-Zeichen in den Augen dieser beiden Referenten bis zu mir in die letzte Reihe. Denn: Nach Ansicht der Referenten haben wir aber keine Wahl. Wir müssen sofort die Chancen ergreifen und rasch hinter dem Big-Data-Zug herlaufen. Über Risiken sollen wir bei Gelegenheit nachdenken und für gesetzliche Regelungen dürfte irgendwann in ferner Zukunft immer noch genug Zeit sein.

Koinzidenz als Geschäftsmodell: Wer die meisten Daten hat, wird die meisten (Schein-)Zusammenhänge finden und gewinnen – egal, wer alles verliert. Denn wollen wir wirklich Maschinenstürmer und Ewiggestrige sein, oder wollen wir nicht lieber brav in die neue Welt laufen?

Zum Glück kann man aus der Koinzidenz dieser beiden glühenden und nicht in die Schranken gewiesenen Big-Data-Verfechter nicht auf eine generelle „Pro-Big-Data“-Stimmung in Alpbach schließen, denn es gab auch vereinzelt andere Stimmen. Und das ist die gute Nachricht. Genauso gut wie die Zusatzinformation, dass der Autor dieses Reiseführers bei einer anderen Veranstaltung in Alpbach auf einer Hütte tatsächlich seinen Apfelstrudel bekam.

Und noch eine gute Nachricht: Das Forum Alpbach könnte eigentlich schon den Titel für eine neue Veranstaltung 2017 festlegen. Der Insider-Tipp dieses Reiseführers: „Big Data: How Coincidence is going to rule the world.” Oder auf Deutsch: „Big Data, oder: Wie der Zufall unser Leben bestimmen wird.

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P.S. In seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Galaxis“, der ja bekanntlich das Vorbild für diesen kleinen Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ ist, liefert Douglas Adams einen aufschlussreichen Hinweis zu Big Data: „Fast alle glauben im Stillen, die letzten Entscheidungsbefugnisse habe ein Computer inne. Sie könnten nicht falscher liegen.” Auch fällt uns allen sofort ein, dass eigentlich sein ganzes Buch Big Data thematisiert. Denn es geht immer um die Suche nach der „Antwort auf das Leben, auf das Universum, und einfach auf Alles”. Bekanntlich lautet diese Antwort 42 und wurde von einem fleißigen Computer erarbeitet – vielleicht sogar über Koinzidenz. Nur irgendwie fehlt plötzlich die eigentliche Frage. Bereits hier liefert Douglas Adams einen Fingerzeig darauf, dass Big Data alleine durchaus irgendwelche Antworten finden kann, aber nur der Mensch die richtigen und vor allem die kritischen Fragen stellen kann und muss.

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