Bahn im Schnee, das tut weh

8. November 2016

Es schneit. Nicht ganz überraschend diese Konsequenzen dieses offenbar unerwarteten Vorfalls: Ausgefallene Züge, stundenlange Verspätungen und verärgerte Bahnreisende, die wieder einmal merken, dass angesichts der kundenfeindlichen Unternehmenskultur der Bahn das Wort „Fahrgast“ Fiktion ist.

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Da sitzt man gemütlich im Zug und freut sich darüber, dass es diesmal nur wenige Minuten Verspätung gibt. Doch dann das:

Oberleitungsstörung: Auf der Strecke Hannover Hbf – Bielefeld Hbf zwischen Minden (Westf) und Bückeburg. Es kommt zu großen Verspätungen in beide Richtungen im Fernverkehr der Deutschen Bahn.

Was ist passiert? Nun, es hat geschneit. Das hat niemanden so richtig überrascht, denn der Wetterbericht hat das schon seit längerem angekündigt. Hat es wirklich niemanden überrascht? Die Bahn wurde offenbar überrascht.

Eigentlich gibt es Kontrolltrupps, die prüfen, ob irgendwo so viel Schnee liegt, dass die Oberleitungen beschädigt werden könnten.

Option 1: „Wir wurden überrascht. Deshalb haben wir die Strecken nicht kontrolliert.“

Das hat aber offenbar an mindestens zwei Stellen nicht funktioniert: Denn auch bei Hamburg hat es – so eine Lautsprecherdurchsage – einen Schneeschaden gegeben.

Man wird keine richtige Antwort darauf bekommen, ob die Kontrolltrupps überhaupt ausgerückt sind. Irgendwie wird man sich auf „Ja, natürlich“ festlegen und das Gegenteil wird nicht beweisbar sein.

Nur die Oberleitungen waren tatsächlich beschädigt. Also bietet sich nur noch eine Antwort an:

Option 2: „Höhere Gewalt. Das ist einfach Materialermüdung. Und erst wenn der Schnee auf der Oberleitung landet und die Oberleitung herunterreißt, dann weiß man, dass man sie hätte erneuern müssen.“

Dass das unverantwortlich und rücksichtslos ist, liegt auf der Hand. Sind die Fahrgäste der Bahn wirklich so egal, dass sie Oberleitungen nicht auf Ermüdung prüft?

Auch wenn Kundenfeindlichkeit offenbar von der Bahn als betriebswirtschaftlich sinnvoll angesehen wird: Was wäre, wenn eine Fluglinie genauso denken würde und sich erst dann mit einem Triebwerk beschäftigt, wenn es ausfällt?

Abgesehen von der kundenfeindlichen Kultur der Bahn: Hat man einmal den gesamtwirtschaftlichen Schaden errechnet, wenn viele Zehntausend Menschen stundenlang in eiskalten Bahnhöfen feststecken? Ein kleiner Tipp: Hier reden wir von vielen Millionen Euro.

Aber auch das spielt keine Rolle. In Hannover werden wir alle aus dem Zug geschmissen. Kalter Bahnhof. Riesige Schlangen vor dem Infopoint. Wieder zeigt sich eindrucksvoll die kundenfeindliche Kultur der Bahn: Nicht einmal jetzt sind alle vier Schalter besetzt.

Was aber wirklich gut funktioniert: Das Kontrollieren von Fahrscheinen und Bahnkarten. Da hat die Bahn ihre Kernkompetenz.

Die klammheimliche Freude, wenn ein Kontrolleur jemanden erwischt, der die Kreditkarte nicht dabei hat, mit der er die Fahrkarte gekauft hat. Oder die Bahnkarte. Oder irgendetwas anderes falsch gemacht hat. Dann kann kassiert werden und da entwickelt die Bahn wahre Leidenschaft.

Interessant übrigens die zwei Antworten vom Fahrscheinkontrolldienst zur heutigen Verspätung: „Da kann man gar nichts machen. Das passiert“ und „Fragen Sie mich mal, wenn ich keine Uniform, sondern Jeans und Shirt trage“. Die letzte Antwort ist wenigstens ehrlich: Nur dann frage ich mich, wie man für so einen Arbeitgeber überhaupt arbeiten kann.

Für Autofahrer, die Probleme bereiten, weil sie keine Winterreifen aufgezogen haben, kann das teuer werden. Und unsere liebe Bahn?

Bei der Bahn ist niemand verantwortlich, da fühlt sich niemand verantwortlich, da ist allenfalls der dumme Bahnkunde der Dumme.

Denn er ist es ja schließlich, der so dumm ist, mit der Bahn zu fahren, wenn es schneit oder wenn Sommer ist oder wenn es regnet.

Was aber wird passieren? Nichts! Politiker sind mehr daran interessiert, lukrative Jobs bei der Bahn zu bekommen (Beispiel Ronald Profalla). Journalisten haben andere Themen. Und wir? Wir können allenfalls von der Bahn auf Bus oder (ökologisch verwerflich) aufs Auto umsteigen.

Trotzdem ein Versuch:

Die Bahn muss öffentlich klar machen, (1) was schief gelaufen ist, (2) was man daraus gelernt hat und (3) wer verantwortlich war und (4) wegen grober Fahrlässigkeit seinen Job verloren hat.

Aber nichts davon wird passieren. So lange die Bahn sich nicht endlich von ihrer Kundenfeindlichkeit verabschiedet und in einen Kulturwandel einsteigt, können wir nur noch aussteigen. Aber erst sollte dieser Blog zu Ende geschrieben werden. Und dann sollte man irgendwie zum Restaurant am Ende des Universums fliehen und Kaffee trinken.

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P.S. Übrigens weist uns Douglas Adams in seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ darauf hin, dass Eskimos über zweihundert verschiedene Wörter für Schnee haben. Sie unterscheiden zwischen dünnem Schnee und dickem Schnee, leichtem Schnee und schwerem Schnee, matschigem Schnee, harschigem Schnee und vielen anderen Formen von Schnee. Vielleicht sollte das die Deutsche Bahn berücksichtigen und zwar je nach Laune entweder bei der Auseinandersetzung mit Schnee oder in Form von neuen Ausreden im Umgang mit Bahnreisenden.

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One Comment

  • Christian Scholz 9. November 2016 at 21:49

    Nachtrag. Ein Tag später. Rückfahrt. ICE955. Fast die gleiche Stelle, an der das Unglück auf der Hinfahrt seinen Lauf nahm. Und wen wundert es: Wieder Verspätung. Dafür kontrolliert die Deutsche Bahn jetzt noch viel schärfer: Natürlich nicht etwa den Schnee auf Oberleitungen. Oder die Pünktlichkeit. Nein: Nicht nur die Bahnkarte wird kontrolliert. Zum ersten Mal wurde jetzt auch noch der Personalausweis kontrolliert. Als nächstes nimmt man auch noch die Fingerabdrücke. Der bullige Fahrkartenkontrolleur war ganz traurig, dass ich tatsächlich meinen Personalausweis dabei hatte. So konnte er leider bei mir seine Schwarzfahrererwischtstatistik nicht aufbessern. Zu dumm für ihn und ein herber Rückschlag. Denn Bahnkarten plus Personalausweise kontrollieren gibt ein Gefühl der Wichtigkeit, lässt gut schlafen und ist natürlich wesentlich wichtiger als Pünktlichkeit. Was geht in Menschen wie diesem bulligen Fahrkartenkontrolleur vor, der hunderte von sogenannten „Fahrgästen“ mit extremer Verspätung nach Berlin bringt, und der absolut nichts anderes zu hat, als Bahnkarten PLUS Personalausweis zu kontrollieren? Kein Wort der Entschuldigung. Statt dessen Ausübung von Macht. Traurig. Vielleicht sollte ich auf Bus umsteigen. Da kommen vielleicht solche kundenfeindliche Menschen nicht vor.

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