Von Bologna bis Troja-39: „Bachelor Welcome“ als Wundertüte?

14. Oktober 2010

Vor sechs Jahren gaben zunächst 15 Unternehmen feierlich und öffentlichkeitswirksam ein Bekenntnis zu „Bachelor Welcome“ ab. Politiker jubelten und die Presse überschlug sich vor Freude. Grund genug für den Reiseführer durch die Arbeitswelt, diese Zone des glückseligen Altruismus einmal etwas näher zu beschreiben – interessanterweise, während gleichzeitig in der ARD der Film „Der ewige Praktikant“ läuft.

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Zunächst einmal zur Erinnerung: Vor zehn Jahren wurde von den europäischen Bildungsministern die Bologna-Erklärung mit dem Titel „Der Europäische Hochschulraum“ unterschrieben und gleichzeitig der Bachelor-Abschluss als mögliche Option formuliert. Während sich eigentlich noch niemand so richtig vorstellen konnte, ob und warum man den diesen Bachelor eigentlich braucht, während man ihn allenfalls als eine mögliche Alternative im Spektrum einer bunt schillernden europäischen Bildungslandschaft sah, taten sich unter der Federführung von Thomas Sattelberger immerhin 15 deutsche Unternehmen zusammen und riefen laut im Chor: „Bachelor Welcome“.

Ja! Man wollte die frischgebackenen Bachelors willkommen heißen, man wollte ihnen einen auf dem berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss aufbauenden Direkteinstieg ins Unternehmen schaffen, man wollte eine ganz spezifische und auf die neue Bologna-Landschaft abgestimmte Karriere – und vieles andere mehr – bieten: Ja, man wollte viel, man versprach viel – und das ist auch gut so, da freut sich die Republik, da fühlen sich Bildungspolitiker bestärkt, da kommt Bewegung ins Spiel.

Nun wissen eifrige Leser dieses Reiseführers, dass – wie auch im Reiseführer von Douglas Adams – Zahlen eine wichtige Rolle spielen. So gibt es im Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ als Antwort auf die unergründliche Frage des Universums die Zahl 42.

Analog hierzu gibt es im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ – an anderer Stelle tiefgründig begründet – die Zahl 39: „Hinter Troja-39 und damit der Zahl 39 steht (a) die Gesamtzahl aller zum Untersuchungszeitpunkt verfügbaren Angebote als Direkteinstieg, die (b) von den 15 Ur-Unternehmen der Bachelor Welcome-Initiative auf ihren Webseiten explizit (auch) für Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung angeboten werden, was (c) bezogen auf über 1 Million Arbeitsplätze dieser Unternehmen relativ wenig und verglichen unter anderem mit (d) 641 angebotenen Praktikumsplätzen noch viel weniger ist.“

Damit steht fest: Ja, Bachelor-Absolventen sind willkommen, aber offenbar besonders als Praktikanten. Im Film „Der ewige Praktikant“ bekommt im Übrigen soeben (während diese Zeilen in den intergalaktischen Reiseführer gemeißelt werden) der Hauptdarsteller mit 32 Jahren wieder nur ein Angebot als Praktikant: Ihm fehlt die Berufserfahrung, da er bisher nur als Praktikant gearbeitet hat.

Doch es gibt Hoffnung und diese öffnet sich wie ein riesiges rosarotes Wolkentor, in das man bei Glockenklang nur noch einzutreten braucht: In den 15 Unternehmen werden in großem Umfang Stellen für Abiturienten angeboten, auf denen man in einem Dualen Studiengang seinen Bachelor machen kann, und zwar – wieder Glockenklang – direkt in Verbindung mit dem Unternehmen. Also: Bereits mit 18 Jahren Einstieg in das Unternehmen, drei Jahre Bachelor (neben dem Beruf), gar nicht die Luft einer herkömmlichen Hochschule schnuppern, und dann steht der mehr oder weniger steilen Karriere in diesem Unternehmen nichts mehr im Wege.

Also: Man will eigentlich gar keine „fertigen“ Bachelor-Absolventen von Hochschulen. Zumindest die 15 Unternehmen wollen selber „ihre Bachelors“ ausbilden. Die Hochschulen wollen sie zu untergeordneten Weiterbildungsabteilungen der Konzerne degradieren: Denn die Qualifikation der Bachelor-Absolventen aus den Hochschulen langt aus ihrer Persoektive offensichtlich gerade noch als Basisqualifikation, um dann in ihre Praktika einzusteigen. Wenn Hochschulen und vor allem Universitätsprofessoren dabei nicht mitspielen, spielen die mächtigen Konzernlenker im Doppelpass mit BDA/BDI/FTD/CHE/HRK und vielen anderen mächtigen Institutionen und Medien ihre Macht aus – und sofort ist Ruhe im Karton.

Sicherlich gab es immer schon Berufsakademien für duale Studiengänge und auch das ist gut so. Jetzt versuchen Unternehmen aber offenbar flächendeckend, Fakten auch für alle anderen Hochschularten zu schaffen. Von diesen will man (wenn überhaupt) vor allem Informatiker und Techniker und Duracell-Häschen – aber nur solche, mit hoher Plastizität.

Dazu definiert der Reiseführer durch die Arbeitswelt wie üblich erhellend: „Unter Plastizität versteht man das (a) durch gezielte mechanische Entwicklung herbeigeführte Formänderungsvermögen von Menschen, das (b) von manchen Unternehmen geschätzt und das (c) vor allem dann instrumentalisiert wird, wenn Studierende gleich mit 18 Jahren über ein duales Studium in das Unternehmen kommen. Ersatzweise kann man (d) mündige und denkfähige Hochschulabsolventen über das Anketten an Dauerpraktikantenstellen mit einer etwas höheren Plastizität versehen.“

Vielleicht sollte einmal ein CentrumFürUnternehmensEvaluation die „Bachelor Welcome“-Unternehmen in ihrem Umgang mit Bachelor ganz gründlich unter die Lupe nehmen? War das vielleicht ein trojanisches Pferd? Gerade diese 15 Unternehmen haben immerhin den Bachelors aus den Hochschulen viel versprochen! Oder man sollte Studierende ermutigen, nach einem Bachelor sofort den Master zu machen? Oder ein Diplom suchen (auch wenn der oben zitierte umtriebige Personalvorstand dies ausschließt)? Oder vielleicht einfach weiter in den Fernseher schauen? Denn in der ARD hat inzwischen im Spielfilm der böse Konzernvorstand verloren und der Praktikant eine Stelle inklusive einem ihm zugeordneten Praktikanten bekommen. So gesehen gewinnt doch immer das Gute.

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P.S.: Irgendwie liegt Douglas Adams mit seinem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ doch immer wieder vollkommen richtig: „Eines der Hauptprobleme – denn es gibt mehrere – beim Regieren von Leuten ist die Frage, von wem man sich das gefallen lässt. Oder vielmehr, wie man es schafft, die Leute soweit zu kriegen, dass sie sich‘s gefallen lassen.“

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